In der Interviewreihe „(CON)TEMPORARY CONDITIONS“ der Deichtorhallen Hamburg gibt der renommierte Fotograf, Videokünstler und Professor Tobias Zielony tiefe Einblicke in seine künstlerische Praxis. Er hinterfragt die Grenzen des Mediums Fotografie und beleuchtet die sich wandelnden Machtstrukturen hinter der Kamera.
Die Grenze der Sichtbarkeit
Tobias Zielony beschäftigt sich in seinen aktuellen Arbeiten intensiv mit der Frage: „Was sieht man, wenn man nichts mehr sieht?“. Anlässlich eines Projekts in Litauen an der Grenze zu Belarus untersucht er die Dunkelheit des Waldes und die Momente, in denen die Kamera an ihre technischen Grenzen stößt. Für Zielony beginnt dort die Imagination – ein Zustand, in dem die inneren Bilder und Vorstellungen das überlagern, was physisch noch sichtbar ist. Er begreift Fotografie dabei nicht nur als technisches Abbild, sondern auch als kulturelle Konstruktion, die existieren kann, ohne sofort sichtbar zu sein.
Wandel der Macht: Das Porträt heute
Das Porträt gilt für Zielony als eine der schwierigsten Disziplinen. Während die Kamera früher oft als privilegiertes Machtinstrument zur Objektivierung anderer genutzt wurde, sieht er heute eine Veränderung: Da mittlerweile fast jeder eine Kamera besitzt und sich ständig selbst inszeniert, ist das Bewusstsein für den Akt des Fotografiertwerdens gewachsen. Zielony plädiert dafür, den Porträtierten eine „Agency“ – eine Selbstbestimmung – darüber zu geben, was die Fotografie und die Aufnahmesituation für sie bedeutet.
Fotografie in Krisenzeiten
Im Gespräch über die Rolle der Fotografie in Konflikten, wie dem Krieg in der Ukraine, betont Zielony die Ambivalenz des Mediums. Im Austausch mit der ukrainischen Künstlerin Jevgenia Belorussets wird deutlich, dass die Fotografie angesichts einer „überbordenden Realität“ oft an ihre Grenzen kommt. Dennoch bleibe sie essenziell, um weltweit Solidarität zu ermöglichen, da ohne Bilder die emotionale Greifbarkeit solcher Ereignisse verloren ginge.
Das Artefakt Fotografie
Den entscheidenden Unterschied zum Bewegtbild sieht Zielony in der spezifischen Bindung der Fotografie an einen Moment in Zeit und Raum. Während Video durch Schnitt und Ton unmittelbar als Konstruktion erkennbar sei, behalte die Fotografie den Charakter eines autonomen Artefakts. Sie sträubt sich laut Zielony dagegen, einfach in andere Erzählungen „eingekauft“ zu werden, und bewahrt sich so eine ganz eigene Form von Wahrheit und Fiktion.
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