Individuum versus Masse, Gebet versus Motorengeräusch: Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem Pionier der Pop-Art, Thomas Bayrle, eine umfassende Schau. Unter dem Titel „Fröhlich sein!“ tauchen Besucher in ein Werk ein, das unsere moderne Gesellschaft seziert, vervielfältigt und neu zusammensetzt.
Frankfurt am Main. Thomas Bayrles Kunst ist durchzogen von Rhythmus. Seine Werke untersuchen das Spannungsfeld zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv, geprägt von den Strukturen der Arbeit, Technologie und Religion.
Die Weberei als künstlerisches Fundament
Die Wurzeln seiner einzigartigen Ästhetik liegen in den 1950er Jahren: Seine Ausbildung als Maschinenweber und die spätere Arbeit mit Drucktechniken prägten sein Verständnis für den Takt der Maschine und das Prinzip der Serie. In seinen Arbeiten wird das Raster zum Rahmen, in dem sich Einzelelemente zu einem großen Ganzen vernetzen.
Von der Autobahn zum Kruzifix: Die Superform
Bayrle entwickelte das Prinzip der „Superform“: Durch Skalierung und Verzerrung kleiner Motive innerhalb eines Rasters entstehen neue, monumentale Bilder.
- Mobilität und Körper: Die Autobahn ist ein zentrales Motiv. Straßen werden bei ihm zu Venen, Autos zum Blutkreislauf, die sich schließlich zur Gestalt des gekreuzigten Jesus Christus formen.
- Maschine und Gebet: Bayrle verknüpft Technologie mit christlicher Tradition. So finden sich Gebete als Inschriften auf Autoreifen oder begleiten als Tonaufnahme den monotonen Klang von Maschinen.
Ikonen im digitalen Zeitalter
Die Ausstellung zeigt auch Bayrles Auseinandersetzung mit kunsthistorischen und populärkulturellen Ikonen – von Caravaggio bis Kim Kardashian.
- Smartphone-Ästhetik: Caravaggios „Inspiration des Heiligen Matthäus“ wird bei Bayrle aus hunderten Smartphones neu zusammengesetzt – ein direkter Kommentar auf unser heutiges Medienverhalten.
- Gesellschaftliche Umbrüche: Michelangelos Pietà verbindet er mit Bildern technologischer Transformation und veränderten Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert.
Das Individuum im Kollektiv
Trotz der Dominanz der Masse zeigen Bayrles Werke immer wieder feine Abweichungen im Detail. Diese verdeutlichen die Kraft des Individuellen innerhalb des Systems. Am Ende steht trotz der ernsten Themen eine humorvolle Leichtigkeit, die sich in Bayrles persönlichem Rat widerspiegelt: „Fröhlich sein!“.
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