Was bedeutet Heimat heute? Ist sie ein geografischer Ort, ein Gefühl, eine Erinnerung oder vielleicht sogar eine Illusion? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Themenausstellung „Tell Me Where Home Is“ im Kunstmuseum Wolfsburg. Rund 160 Werke von 61 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern beleuchten unterschiedliche Vorstellungen von Heimat, Migration und Zugehörigkeit.
Heimat ist mehr als ein geografischer Ort
In einer globalisierten und digitalisierten Welt wächst die Sehnsucht nach einem Ort, an dem Menschen sich zu Hause fühlen können. Gleichzeitig gehören gesellschaftlicher Wandel und Migration längst zur Realität vieler Menschen. Krieg, Verfolgung und die Folgen der Klimakrise zwingen Millionen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Während manche Mobilität als kosmopolitische Lebensform erleben, bedeutet sie für andere Verlust, Unsicherheit und einen Neuanfang unter schwierigen Bedingungen. Die Ausstellung eröffnet vielfältige Perspektiven auf die Frage, wie Menschen im 21. Jahrhundert Heimat verlieren, neu finden und gemeinsam gestalten.
Ein Haus, eine Stadt oder eine vertraute Landschaft können das Gefühl vermitteln, zu Hause zu sein. Doch Heimat entsteht nicht zwangsläufig an einem bestimmten Ort. Sie kann ebenso in Beziehungen zu Familie und Freundeskreis, in Religion, Musik, Sprache und Essen oder in digitalen Netzwerken liegen. Gerade für Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig migriert sind, verändern sich die Vorstellungen von Heimat. Das Smartphone wird dabei häufig zu einem wichtigen Bindeglied zwischen verschiedenen Lebensorten: Es bewahrt Kontakte, Fotos und Erinnerungen und ermöglicht es, Beziehungen über große Entfernungen hinweg aufrechtzuerhalten.
Zugleich kann Heimat eine idealisierte Erinnerung sein. Die Vorstellung eines vertrauten Ortes aus der Kindheit bleibt mitunter bestehen, obwohl sich dieser längst verändert hat – oder in der erinnerten Form möglicherweise nie existiert hat. Die Ausstellung zeigt, wie persönlich und widersprüchlich Heimat sein kann und wie stark sie von individuellen Erfahrungen und gesellschaftlichen Bedingungen geprägt wird.
Alfredo Jaar: Wenn Papiere über Zugehörigkeit entscheiden
Wie eng Heimat und politische Rahmenbedingungen miteinander verbunden sind, verdeutlicht der Künstler Alfredo Jaar mit seiner Arbeit One Million German Passports. Er schichtet eine Million deutsche Pässe zu einem monumentalen Block und erinnert damit an die Geflüchteten, die im Zuge des syrischen Bürgerkriegs in Deutschland aufgenommen wurden.
Die Arbeit lenkt den Blick auf die Bedeutung von Staatsangehörigkeit und Dokumenten. Denn die Möglichkeit, sich an einem Ort niederzulassen, Rechte zu erhalten und ein neues Leben aufzubauen, hängt häufig von wenigen entscheidenden Papieren ab.
Jaar macht damit sichtbar, dass Zugehörigkeit nicht allein eine persönliche Empfindung ist. Sie wird auch durch politische Entscheidungen, rechtliche Voraussetzungen und gesellschaftliche Anerkennung bestimmt.
Migration jenseits von Klischees: Die Perspektive der Betroffenen
Wie Menschen unter schwierigen Bedingungen neue Formen des Zusammenlebens entwickeln, zeigt Coco Olakunle in fotografischen Porträts von Menschen in Geflüchtetenlagern. Ihre Arbeiten stellen individuelle Lebensgeschichten in den Mittelpunkt und hinterfragen vereinfachende Vorstellungen von Flucht und Migration.
Auch andere Künstlerinnen und Künstler entwickeln Bilder für ein vielfältiges und inklusives Verständnis von Heimat. Ishita Chakraborty formt aus Ton Pilze in unterschiedlichen Hautfarben und entwirft damit die Vorstellung eines Europas, das Vielfalt als Teil seiner Gemeinschaft begreift. Die Arbeiten eröffnen einen differenzierten Blick auf Menschen, deren Lebenswege von Migration geprägt sind. Sie erzählen nicht allein von Verlust und Entwurzelung, sondern auch von Handlungsmöglichkeiten, neuen Beziehungen und dem Versuch, unter veränderten Bedingungen ein Zuhause zu schaffen.
Diana Scherer: Heimat als Netzwerk aus Wurzeln
Die Künstlerin Diana Scherer beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen Natur, Wachstum und gesellschaftlichen Strukturen. Für die Ausstellung entwickelt sie ein Muster aus eigens gezüchteten Pflanzenwurzeln. Die Wurzeln wachsen dabei nicht vor allem in die Tiefe, sondern breiten sich seitlich aus. So entsteht ein Bild für eine vernetzte Gesellschaft, in der Menschen Verbindungen über unterschiedliche Orte hinweg aufbauen. Die Arbeit eröffnet eine alternative Vorstellung von Verwurzelung: Heimat muss nicht an einen einzigen festen Ort gebunden sein. Sie kann auch aus einem Netz von Beziehungen bestehen, das sich ausbreitet, verändert und neue Verbindungen ermöglicht.
Tracey Snelling: Ein Denkmal für prekäre Lebensverhältnisse
Einen anderen Zugang wählt Tracey Snelling mit ihrer Installation One Thousand Shacks. Die aufgetürmten Behausungen werden zu einem monumentalen Bild für Menschen, die unter prekären Bedingungen leben und sich ihren Wohnraum oft mit begrenzten Mitteln selbst schaffen müssen. Die Installation lenkt den Blick auf die soziale Dimension von Heimat. Denn ein Zuhause zu haben, ist nicht für alle Menschen selbstverständlich. Wohnungsnot, Armut und unsichere Lebensverhältnisse schränken die Möglichkeiten ein, einen geschützten und dauerhaften Ort zu schaffen. Snellings Arbeit macht deutlich, dass Heimat nicht nur mit emotionaler Verbundenheit zu tun hat, sondern auch mit Wohnraum, Sicherheit und gesellschaftlichen Ressourcen.
Gegen die Vereinnahmung des Heimatbegriffs
Ein zentrales Anliegen von „Tell Me Where Home Is“ ist es, Verständnis für die Erfahrungen und Traumata von Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten zu fördern. Die Ausstellung setzt einer nationalistischen Verengung des Heimatbegriffs eine offene Perspektive entgegen, die unterschiedliche Lebensgeschichten und Formen der Zugehörigkeit berücksichtigt. Dabei geht es nicht darum, Heimat als überholtes Konzept abzulehnen. Vielmehr zeigt die Ausstellung, wie vielfältig ihre Bedeutungen sind und wie sie sich durch persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Entwicklungen und kulturellen Austausch verändern Die künstlerischen Arbeiten regen dazu an, vertraute Vorstellungen zu hinterfragen und die Perspektiven anderer Menschen kennenzulernen.
61 Kunstschaffende eröffnen neue Perspektiven auf Heimat
Mit rund 160 Werken versammelt die Ausstellung eine breite Auswahl zeitgenössischer künstlerischer Positionen. Die beteiligten Kunstschaffenden beschäftigen sich mit Migration, Identität, Erinnerung, urbanem Leben und den Bedingungen gesellschaftlicher Teilhabe. Die Ausstellung wird durch Kooperationen mit der Abteilung für Internationale Urbanistik und Entwerfen der Universität Stuttgart sowie dem Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation in Wolfsburg ergänzt. Ein interdisziplinärer wissenschaftlicher Beirat begleitete ihre Entwicklung.
Heimat gemeinsam neu denken
„Tell Me Where Home Is“ versteht Heimat nicht als unveränderliche Größe, sondern als etwas, das verloren gehen, sich verwandeln und neu entstehen kann. Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg macht sichtbar, wie unterschiedlich Menschen Zugehörigkeit erleben und welche Rolle Beziehungen, Erinnerungen, politische Rechte und soziale Sicherheit dabei spielen. Die künstlerischen Perspektiven laden dazu ein, über persönliche und kollektive Heimaten nachzudenken – und gesellschaftliche Vielfalt nicht als Gegensatz, sondern als Möglichkeit gemeinsamen Lebens zu begreifen.
Kuratorin: Uta Ruhkamp
Kuratorische Assistenz: Linus Jantzen und Anne Rybka
Produktion: artbeats Berlin
Mehr unter: www.kunstmuseum.de






