Story-Asking statt Storytelling: Jüdisches Museum Frankfurt lässt KI-Avatare die Judengasse von 1864 zum Leben erwecke

Was war, wenn Besucherinnen und Besucher nicht mehr zuhören, sondern fragen? Das Jüdische Museum Frankfurt hat ein immersives KI-Projekt entwickelt, das Schulklassen und Touristen in die historische Judengasse von 1864 entlässt – mit KI-gesteuerten Gesprächspartnern, die individuell antworten.

Klassische Museumsvermittlung folgt einem Prinzip: Wissen wird erzählt, Besuchende nehmen es auf. Aber, “es wäre ja auch schön, wenn wir tatsächlich mal rausfinden würden, welche Fragen die Leute mitbringen”, erklärt Tanja Neumann, Smart Lynx GmbH, den Ausgangspunkt des Projekts.

Gemeinsam mit der Smart Lynx GmbH und der NSYNK Gesellschaft für Kultur und Technik hat das Jüdische Museum Frankfurt ein KI-gestütztes Gesprächsformat entwickelt, das Tanja Neumann, Eno Henze und Museumskurator Michael Lenarz als „Story-Asking statt Storytelling” beschreiben: Nicht das Museum erzählt – die Besuchenden fragen.

Im Mittelpunkt stehen KI-gesteuerte Avatare, die Bewohnerinnen und Bewohner der Frankfurter Judengasse um 1864 verkörpern. Wer mit ihnen spricht, kann individuell fragen – nach Alltagsleben, Geschichte, persönlichen Schicksalen. Die KI führt jeden Gesprächspartner zu dem Punkt, der ihn oder sie am meisten interessiert. „Der Vorteil von KI ist, dass man jedem Gesprächspartner seinen individuellen Endpunkt in dem weiten Feld von Information und Geschichte liefern kann”, erklärt Eno Henze von NSYNK .

Vom Konzept zur Förderung

Die Idee entstand im Jüdischen Museum, wurde gemeinsam mit den Partnern ausgearbeitet und schließlich vom Hessischen Ministerium für Digitalisierung und Innovation gefördert. Bemerkenswert: Die Ausschreibung wurde so formuliert, dass sie über drei Jahre Bestand hatte – und das fertige Projekt trotz rasanter KI-Entwicklung auf der Höhe der Zeit ist.

Die größte Herausforderung war nicht die Technik, sondern das Konzept: Wie übersetzt man historisches Wissen in ein System, das auf unvorhergesehene Fragen antworten kann? Und wie gibt man die Kontrolle über den Erkenntnisweg an die Besuchenden ab – ohne die historische Genauigkeit zu gefährden? „Den Zugang in die Verantwortung der Besuchenden zu verlegen – das war für uns die größte Herausforderung”, sagt Eno Henze.

Für Schulen, Touristen und Frankfurter Bürgerinnen

Die primäre Zielgruppe sind Schulklassen – das Angebot lässt sich direkt in den Unterricht integrieren, mit konkreten Forschungsaufträgen, die ins Curriculum passen. Aber auch Touristinnen und Touristen sowie Frankfurter Bürgerinnen und Bürger sind angesprochen: Der historische Ort – die Staufenmauer nahe der Konstabler Wache, der einzige erhaltene Verlauf der historischen Judengasse – gibt heute kaum Hinweise auf seine Geschichte. Die KI-Anwendung soll das ändern. Ab dem neuen Schuljahr können Workshops gebucht werden, die den Besuch vor Ort mit der digitalen Anwendung verbinden.

Erste Tests zeigten zwei unterschiedliche Nutzertypen: Manche interessierten sich stärker für das immersive Environment, andere für die Charaktere. Wie sich das in der breiten Nutzung entwickelt, bleibt eine der spannendsten offenen Fragen des Projekts.

Mehr unter: mai-tagung.lvr.de

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