Natürlich lässt sich die Shoah nicht in einem Kurzvideo erzählen. Aber Erinnerungskultur braucht viele Formate – und digitale Räume sind längst keine Randerscheinung mehr. Die Stiftung Hamburger Gedenkstätten ist seit fünf Jahren auf TikTok aktiv. Ein Erfahrungsbericht.
Der Titel klingt provokant, ist aber eine ehrliche Frage: Kann man die Shoah in 60 Sekunden erzählen? Dr. Iris Groschek von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen beantwortet sie nüchtern: Nein – aber eine Enzyklopädie reicht auch nicht. Erinnerung braucht viele Zugänge, viele Formate, viele Orte. Und seit rund fünf Jahren gehört TikTok dazu.
Die Entscheidung, auf der Plattform aktiv zu werden, war strategisch: Eine Generation, die über klassische Social-Media-Kanäle nicht mehr erreichbar war, war dort präsent. Also entwickelte die Stiftung ein Kommunikationskonzept und setzte es konsequent um – mit dem Account Neuengamme Memorial, der heute auf sieben Social-Media-Plattformen aktiv ist.
Augenhöhe statt Belehrung
Was Groschek besonders betont, ist die Haltung hinter dem Content: kein erklärender Gestus von oben, sondern echter Dialog. „Wir stellen uns nicht dar als jemand, der erklärt, wie Erinnerungskultur funktioniert, sondern wir kommen gemeinsam mit der Gesellschaft ins Gespräch: Wie wollen wir eigentlich in Zukunft erinnern?” Nicht jedes Video muss viral gehen. Was zählt, ist Relevanz – das Ansprechen einer spezifischen Gruppe, die sich in diesem Moment gesehen und wertgeschätzt fühlt.
Digitale Besucherinnen und Besucher werden dabei genauso ernst genommen wie analoge. Denn im digitalen Raum erreicht die Gedenkstätte Menschen, die sie vielleicht nie persönlich besuchen würden – oder könnten.
Ressourcen, Strategie, Realismus
Groschek macht aber auch klar: Digitale Kommunikation ist Arbeit. Das Team der Abteilung umfasst drei Festangestellte, eine studentische Hilfskraft und eine Freiwillige – zuständig für Social Media, Community Management, Content-Produktion, Webseiten, Games und Kulturmarketing. „Das klingt viel, ist aber das Minimum”, sagt Groschek. Institutionen müssten digitale Kommunikation strukturell stärker gewichten – und dafür Stellen schaffen.
Ihr Rat an Einsteiger: Erst beobachten, dann entscheiden. Wer auf Social Media aktiv werden will, sollte zunächst stille Beobachterin sein, verstehen, wer dort was erzählt – und dann gezielt einsteigen. Am besten mit einer Plattform, die zum eigenen Kommunikationskonzept passt.
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