Was kann eine Skulptur sein? Mit seinen „Passstücken“ stellte der österreichische Künstler Franz West traditionelle Vorstellungen von Skulptur grundlegend infrage. Seine Werke sollten nicht ausschließlich betrachtet, sondern mit dem eigenen Körper ausprobiert und in eine unmittelbare Beziehung zum Menschen gebracht werden.
Ein Passstück aus dieser zentralen Werkserie konnte nun für die Sammlung des Belvedere erworben werden und ist Teil der „Stellprobe im Belvedere 21“.
Franz West und die Passstücke
Franz West entwickelte die ersten Passstücke ab den späten 1960er-Jahren. Die meist organisch geformten Objekte waren dafür gedacht, an verschiedene Körperstellen angelegt, gehalten oder bewegt zu werden.
Damit veränderte West das Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachter. Die Skulptur war nicht länger ein autonomes Objekt auf einem Sockel, sondern wurde durch die körperliche Interaktion zu einem Teil der Wahrnehmung und Erfahrung.
Papiermaché, Gaze und die Grenzen der Skulptur
Im Video spricht Luisa Ziaja über den Ankauf des Passstücks und erläutert, wie Franz West mit ungewöhnlichen Materialien arbeitete. Papiermaché und Gaze ermöglichten ihm, Formen zu entwickeln, die zwischen Objekt, Körper und Raum angesiedelt sind.
Gerade diese Materialität ist entscheidend für Wests künstlerischen Ansatz. Die scheinbar einfachen und oft provisorisch wirkenden Formen laden dazu ein, die Grenzen zwischen Kunstwerk und menschlichem Körper neu zu denken.
Ein Passstück für die Sammlung des Belvedere
Mit dem Ankauf erhält die Sammlung des Belvedere ein Werk aus einer der wichtigsten Schaffensphasen Franz Wests. Die Passstücke gehören zu den Arbeiten, mit denen der Künstler die traditionelle Vorstellung von Skulptur nachhaltig erweiterte.
Der Ankauf macht diese zentrale Position der österreichischen Gegenwartskunst dauerhaft für die Sammlung zugänglich.
Was verbindet ein Wiener Gemälde mit der Harlem Renaissance?
Ein Gemälde von Hans Böhler führt im Belvedere 21 von Wien nach New York und eröffnet einen überraschenden Blick auf Migration, internationale Netzwerke und künstlerischen Austausch.
Das Werk „Freundinnen“ zeigt zwei Frauen: Friederike Beer-Monti und Selma Burke. Ihre Lebensgeschichten verbinden das Wien der 1930er-Jahre mit der Kunstszene New Yorks und der Harlem Renaissance.
Friederike Beer-Monti und Selma Burke
Friederike Beer-Monti war eng mit der Wiener Kunst- und Kulturszene verbunden. Später ging sie nach New York, wo sie die Artists’ Gallery betrieb und damit einen eigenen Raum für künstlerischen Austausch schuf.
Selma Burke wiederum wurde zu einer wichtigen Figur der amerikanischen Kunstgeschichte. Als afroamerikanische Künstlerin war sie Teil der Harlem Renaissance, einer kulturellen und künstlerischen Bewegung, die insbesondere in den 1920er- und 1930er-Jahren die afroamerikanische Kultur in New York nachhaltig prägte.
Das Porträt der beiden Frauen wird damit zu einem Ausgangspunkt für eine Geschichte, die weit über Wien hinausreicht.
Luisa Ziaja, Kuratorin am Belvedere, erläutert, wie Hans Böhlers Freundinnen neue Perspektiven auf die Sammlung des Museums eröffnet.
Ein Gemälde erzählt von Migration und kulturellem Austausch
Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein die kunsthistorische Einordnung des Gemäldes. Vielmehr geht es um die Geschichten der Menschen, die mit dem Werk verbunden sind, und um die kulturellen Verbindungen, die zwischen Wien und New York entstanden.
Migration erscheint dabei nicht nur als biografischer Einschnitt, sondern auch als Motor für künstlerischen Austausch und neue Netzwerke.
Wien, New York und die Harlem Renaissance
Die Verbindung zwischen Friederike Beer-Monti und Selma Burke macht sichtbar, wie eng unterschiedliche Kunstszenen miteinander verbunden sein konnten. Das Gemälde schlägt eine Brücke zwischen dem Wien der Zwischenkriegszeit und dem New York der Harlem Renaissance.
So wird ein Werk aus der Sammlung des Belvedere zum Ausgangspunkt für eine größere Erzählung über Migration, Identität, Kunst und transatlantischen Austausch.
Wie eine Museumsdirektion eine Sammlung prägt
Was bleibt von einer Museumsdirektion, wenn Ausstellungen längst abgebaut und vergangene Projekte nur noch im Archiv zu finden sind? Für Stella Rollig sind es vor allem die Werke, die während ihrer Amtszeit für die Sammlung erworben wurden.
In der „Stellprobe im Belvedere 21“ spricht Rollig darüber, welche Bedeutung Ankäufe für eine Museumssammlung haben und wie sie deren Entwicklung über Jahre und Jahrzehnte beeinflussen können.
Kunstankäufe als bleibendes Vermächtnis
Ausstellungen sind zeitlich begrenzt. Die Werke, die ein Museum in seine Sammlung aufnimmt, bleiben dagegen dauerhaft Teil seiner Geschichte. Mit jeder Neuerwerbung verändert sich der Blick auf die Sammlung – und damit auch die Erzählung, die ein Museum über Kunst und Gesellschaft vermittelt.
Für Rollig sind Ankäufe deshalb mehr als eine Ergänzung des Bestands. Sie spiegeln auch die Entscheidungen und die Haltung einer Museumsleitung wider: Welche Positionen werden sichtbar gemacht? Welche Künstler*innen und Perspektiven finden Eingang in die Sammlung?
Feministische Perspektiven und der Dialog mit dem Publikum
Eine zentrale Rolle spielen dabei feministische Perspektiven und die Frage, wie Museen ihr Verhältnis zum Publikum gestalten. Sammlungspolitik wird so zu einem Instrument, mit dem traditionelle kunsthistorische Erzählungen erweitert und neue Sichtweisen ermöglicht werden können.
Der Blick auf die Sammlung zeigt damit zugleich, welche gesellschaftlichen und kulturellen Fragen ein Museum aufgreift und welche Stimmen langfristig Teil seiner Geschichte werden.
Die Sammlung als Spiegel einer Haltung
Die „Stellprobe“ macht deutlich: Eine Museumsdirektion hinterlässt nicht nur Ausstellungen und Veranstaltungen. Auch die Sammlung verändert sich durch die Entscheidungen ihrer Leitung – und diese Veränderungen können weit über die eigene Amtszeit hinauswirken.
So wird die Frage, was von einer Museumsdirektion bleibt, letztlich auch zu einer Frage danach, wie Museen ihre Geschichte schreiben und welche Perspektiven sie für zukünftige Generationen bewahren.
Wie behauptet sich ein öffentliches Museum auf einem Kunstmarkt, auf dem Preise ins Unermessliche steigen? Luisa Ziaja, Chefkuratorin und Sammlungsleiterin am Belvedere, erklärt, warum öffentliche Sammlungen trotzdem unverzichtbar sind.
Ein Markt, der davonläuft
Der internationale Kunstmarkt hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Dynamik entwickelt, die öffentliche Institutionen zunehmend unter Druck setzt. Während private Sammlerinnen und Sammler sowie Investoren Preise in die Höhe treiben, bleiben die Ankaufsbudgets öffentlicher Museen begrenzt – und wachsen in der Regel deutlich langsamer als die Marktpreise. Wie navigiert ein Museum wie das Belvedere 21 in diesem Spannungsfeld? Diese Frage steht im Mittelpunkt eines Gesprächs mit Luisa Ziaja, Chefkuratorin und Sammlungsleiterin am Belvedere, im Rahmen der Ausstellung „Stellprobe”.
Beziehungsarbeit statt Bieterwettstreit
Ziaja macht deutlich, dass öffentliche Museen den Wettkampf um Spitzenpreise weder gewinnen können noch anstreben sollten. Stattdessen setzt das Belvedere auf etwas anderes: den direkten, langfristigen Austausch mit Künstlerinnen, Künstlern und Galerien. Vertrauen, Kontinuität und kuratorische Überzeugungskraft ersetzen dort, wo das Budget an Grenzen stößt, die schiere Kaufkraft. Werke können so mitunter zu Konditionen erworben werden, die den besonderen Charakter einer öffentlichen Sammlung berücksichtigen.
Was öffentliche Sammlungen leisten – und privat nicht können
Der entscheidende Unterschied liegt in der Langfristigkeit. Werke, die in eine öffentliche Museumssammlung aufgenommen werden, sind dauerhaft gesichert – konservatorisch betreut, der Öffentlichkeit zugänglich und dem Marktkreislauf dauerhaft entzogen. Sie bleiben nicht im Verborgenen, sondern können gezeigt, erforscht und vermittelt werden. Das ist, so Ziaja, die eigentliche Verantwortung öffentlicher Sammlungen: nicht mit dem Markt zu konkurrieren, sondern das zu tun, was der Markt nicht kann.
Sammeln unter Bedingungen
„Stellprobe” macht diesen Prozess ungewohnt transparent. Die Ausstellung zeigt nicht nur, was das Belvedere 21 in den vergangenen Jahren erworben hat – sondern regt dazu an, auch über die Bedingungen nachzudenken, unter denen öffentliches Sammeln heute stattfindet. Ein Blick hinter die Kulissen, der deutlich macht: Jeder Ankauf ist eine Entscheidung mit Konsequenzen – für die Sammlung, für die Künstlerinnen und Künstler und für das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft.
Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere, erklärt in diesem Beitrag zur Ausstellung “Stellprobe”, warum der gezielte Ankauf von Werken weiblicher Künstlerinnen keine politische Geste ist – sondern schlicht ein Akt der Genauigkeit.
Sie waren da – man hat sie nur nicht gesehen
Künstlerinnen mussten nicht erst entdeckt werden. Sie waren präsent, aktiv, sichtbar – in ihren jeweiligen Epochen oft anerkannt und einflussreich. Dass sie aus der Kunstgeschichte verschwanden, war kein natürlicher Prozess, sondern das Ergebnis von Auslassung, Geringschätzung und institutioneller Vernachlässigung. Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere, bringt es auf den Punkt: Was jetzt geschieht, ist keine Neuschreibung der Kunstgeschichte – es ist ein Zurechtrücken.
Forschung macht sichtbar, was immer da war
Mit fortschreitender kunsthistorischer Forschung werden zunehmend Künstlerinnen wieder sichtbar – quer durch alle Epochen, vom Barock bis in die Gegenwart. Namen, die aus Lexika verschwunden waren, tauchen wieder auf. Werke, die falsch zugeschrieben oder schlicht ignoriert wurden, werden neu eingeordnet. Diese Forschung ist die Grundlage für die Sammlungspolitik des Belvedere 21: Ankäufe von Werken weiblicher Künstlerinnen folgen nicht einem Quotendenken, sondern einem wachsenden Wissensstand.
Eine knapp drei Tonnen schwere Skulptur, kein Dübel im Boden, eine eigens entwickelte Präsentationslösung: Die Ausstellung „Stellprobe” im Belvedere 21 stellt nicht nur kuratorische, sondern auch handfeste statische Fragen.
Vom Barockgarten in den Ausstellungsraum
Toni Schmales Skulptur „gefährt*innen” war ursprünglich nicht für den Innenraum gedacht. Sie entstand als Auftragsarbeit für das Projekt „Public Matters” – konzipiert für die Gärten des Belvedere, einen der bedeutendsten Barockgärten Österreichs. Dass das Werk nun in der Ausstellung „Stellprobe” im Belvedere 21 zu sehen ist, verdankt sich einer ungewöhnlichen kuratorischen Entscheidung: und einer beachtlichen logistischen Herausforderung.
Das Problem: Drei Tonnen ohne Verankerung
Wie trägt man eine knapp drei Tonnen schwere Skulptur im Innenraum – ohne sie im Boden zu verankern? Eine Standardlösung gibt es dafür nicht. Für die Präsentation in „Stellprobe” musste eigens eine neue Konstruktion entwickelt werden, die das Gewicht des Werks aufnimmt, ohne den Museumsboden zu beschädigen. Luisa Ziaja, Leiterin der Sammlung des Belvedere, gibt Einblick in die statischen Überlegungen und die praktische Umsetzung – ein Aspekt der Museumsarbeit, der im fertigen Ausstellungsbild unsichtbar bleibt, aber entscheidend ist.
Mythologie trifft Gegenwartskunst
Doch „gefährt*innen” ist nicht nur eine logistische Herausforderung – es ist auch ein inhaltlich vielschichtiges Werk. Toni Schmale reagiert darin auf die mythologische Bildwelt des Barockgartens, in dem die Skulptur ursprünglich stand: ein Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und einer jahrhundertealten Ikonografie, zwischen dem Gewicht des Materials und der Leichtigkeit des Mythischen. Die Überführung ins Innere des Museums verändert diesen Dialog – und eröffnet neue Lesarten.
Was haben ausgediente Theaterkulissen mit der Präsentation von Kunst zu tun? Für die Ausstellung „Stellprobe“ im Belvedere 21 greift Heimo Zobernig auf Bühnenelemente aus dem Fundus des Wiener Volkstheaters zurück. Damit wird die Ausstellungsarchitektur selbst zum Teil eines Experiments über Raum, Bewegung und Wiederverwendung.
Der Begriff „Stellprobe“ stammt aus dem Theater. Noch bevor eine Inszenierung in allen Details ausgearbeitet ist, werden Schauspieler und Bühnenarchitektur zusammengebracht. Wege werden ausprobiert, Positionen festgelegt und räumliche Beziehungen untersucht. Es geht darum herauszufinden, wie Menschen, Objekte und Architektur miteinander funktionieren.
Für die Ausstellung „Stellprobe“ im Belvedere 21 überträgt Heimo Zobernig dieses Prinzip auf die bildende Kunst. Nicht Schauspieler, sondern Kunstwerke werden in Beziehung zum Raum gesetzt. Ihre Positionierung wird damit zu einem wesentlichen Bestandteil der Ausstellung.
Vom Theaterfundus ins Museum
Auch bei der Architektur der Ausstellung bleibt das Theater präsent. Anstatt sämtliche Einbauten eigens neu produzieren zu lassen, wurden vorhandene Kulissenelemente aus dem Fundus des Wiener Volkstheaters übernommen und für das Belvedere 21 neu eingesetzt.
Die Entscheidung folgt einem ökologischen ebenso wie ökonomischen Gedanken: Materialien, die für frühere Theaterproduktionen hergestellt wurden und ihre ursprüngliche Funktion bereits erfüllt haben, erhalten einen neuen Verwendungszweck.
Aus einer Theaterkulisse wird Ausstellungsarchitektur. Dabei verändert sich nicht nur der Ort, sondern auch die Wahrnehmung des Materials. Was auf der Bühne Teil einer inszenierten Welt war, strukturiert nun den Raum, in dem Kunst betrachtet wird.
Architektur auf Zeit
Die Wiederverwendung der Kulissen lenkt den Blick zugleich auf eine Besonderheit, die Theater und Ausstellungen miteinander teilen: Beide arbeiten mit temporären Architekturen.
Bühnenbilder entstehen für einen begrenzten Zeitraum, ebenso wie viele Ausstellungsarchitekturen. Nach Ende einer Produktion oder Ausstellung werden sie abgebaut, eingelagert, verändert oder entsorgt. Zobernigs Ansatz stellt die Frage, ob diese Kurzlebigkeit zwangsläufig mit einem hohen Materialverbrauch verbunden sein muss.
Indem bestehende Elemente erneut eingesetzt werden, bleibt ihre Geschichte zumindest teilweise erhalten. Die Kulissen bekommen ein zweites Leben – allerdings unter völlig veränderten Bedingungen.
Kunstwerke auf der „Stellprobe“
Damit erhält der Ausstellungstitel eine doppelte Bedeutung. Einerseits beschreibt er die räumliche Erprobung der Kunstwerke. Andererseits scheint sich auch die Architektur selbst in einem vorläufigen Zustand zu befinden.
Diese Offenheit entspricht dem Prinzip der Stellprobe: Noch ist nicht alles endgültig festgeschrieben. Entscheidend sind Beziehungen – zwischen Werk und Raum, zwischen Architektur und Besucher sowie zwischen vorhandenen Materialien und ihrer neuen Funktion.
VALIE EXPORT war lange nicht angemessen im Belvedere vertreten – dabei gilt sie als eine der bedeutendsten österreichischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung „Stellprobe” macht sichtbar, wie gezielte Ankäufe eine Sammlung neu schreiben.
Nicht jede Lücke ist sofort sichtbar
Museumssammlungen wachsen über Jahrhunderte – und genau darin liegt eine ihrer größten Herausforderungen. Wer sich nur um das Neue kümmert, übersieht leicht das Fehlende. Manche Lücken fallen erst auf, wenn man die Sammlung mit kritischem Abstand betrachtet: wenn man fragt, welche künstlerischen Positionen fehlen, welche Stimmen nicht gehört werden und welche Geschichten bisher nicht erzählt wurden. Genau diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Ausstellung „Stellprobe” im Belvedere 21.
VALIE EXPORT: Eine überfällige Korrektur
Ein besonders markantes Beispiel für eine solche Lücke ist das Werk von VALIE EXPORT. Die österreichische Künstlerin – international gefeiert als Pionierin der feministischen Medien- und Performancekunst – war im Belvedere lange nicht in dem Maß vertreten, das ihrer Bedeutung entspricht. Heute gilt sie als eine der herausragenden Positionen der österreichischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Gezielte Ankäufe haben in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dieses Ungleichgewicht zu korrigieren und ihr Werk angemessen in der Sammlung zu verankern.
Was passiert, wenn eine Ausstellung keine Geschichte erzählen will? Generaldirektorin Stella Rollig setzt im Belvedere 21 auf das einzelne Kunstwerk – und auf die Begegnung.
Eine Ausstellung gegen das Narrativ
Viele Ausstellungen folgen einem Konzept, das die gezeigten Werke zu einer Erzählung zusammenfügt – einem historischen Bogen, einem thematischen Schwerpunkt, einer kuratorischen These. „Stellprobe” im Belvedere 21 macht bewusst das Gegenteil. Die Ausstellung versammelt mehr als 150 Sammlungszugänge der vergangenen zehn Jahre und verzichtet dabei auf ein übergeordnetes Narrativ. Jedes Werk steht für sich. Jede künstlerische Position, jede Haltung, jede Geschichte darf für sich selbst sprechen.
Stella Rollig: Kuratorin und Generaldirektorin im Gespräch
Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere und Kuratorin der Ausstellung, erläutert die Idee dahinter: Es geht um eine andere Art der Aufmerksamkeit. Wer eine Ausstellung ohne vorgegebene Lesart betritt, ist gezwungen, selbst hinzuschauen – langsamer, offener, unvoreingenommener. „Stellprobe” will genau das anregen: die unmittelbare, ungeleitete Begegnung zwischen Betrachter und Kunstwerk.
150 Positionen, kein Masterplan
Die Bandbreite der gezeigten Werke spiegelt ein Jahrzehnt aktiver Sammlungstätigkeit wider – und damit die Vielfalt zeitgenössischer Kunst in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Unterschiedliche Medien, Haltungen und Herkunftskontexte treffen aufeinander, ohne in ein einheitliches Bild gezwungen zu werden. Gerade diese Heterogenität ist das Programm.
Eine Einladung zum Sehen
Der Titel „Stellprobe” ist dabei Programm: In Theater und Film bezeichnet er den Moment, in dem Figuren und Objekte im Raum erprobt werden – bevor die eigentliche Aufführung beginnt. Im Belvedere 21 wird daraus eine Einladung: Das Publikum ist aufgefordert, selbst zu erproben, wie es einem Werk begegnet – ohne Anleitung, ohne vorgegebene Antwort.
Was passiert, bevor ein Kunstwerk in einer Museumssammlung landet? Sammlungsleiterin Luisa Ziaja erklärt im Rahmen der Ausstellung „Stellprobe”, wie das Belvedere 21 für die Zukunft sammelt – und warum das keine einfache Aufgabe ist.
Sammeln als kuratorische Haltung
Hinter jeder Museumssammlung steckt weit mehr als der bloße Erwerb von Kunstwerken. Welche Werke werden ausgewählt? Nach welchen Kriterien? Und wer entscheidet, was für kommende Generationen bewahrt werden soll? Diesen Fragen widmet sich die Ausstellung „Stellprobe” im Belvedere 21 in Wien. Sammlungsleiterin und Chefkuratorin Luisa Ziaja gewährt dabei seltene Einblicke in den Prozess der Sammlungserweiterung – und macht deutlich, dass Sammeln und kuratorisches Programm beim Belvedere 21 untrennbar miteinander verbunden sind.
Ein Werk, das stellt: Renate Bertlmanns „Waschtag”
Als konkretes Beispiel dient Renate Bertlmanns Installation „Waschtag” aus dem Jahr 1976 – ein Werk, das die Herausforderungen des Sammelns auf besondere Weise verkörpert. Die Arbeit der österreichischen Künstlerin und documenta-Teilnehmerin besteht unter anderem aus Latex, einem Material, das altert, sich verändert und zersetzt. Für ein Museum, das auf dauerhafte Bewahrung ausgerichtet ist, stellen solche vergänglichen Materialien eine echte Herausforderung dar.
Konservierung als kreativer Prozess
Wie geht man mit einem Kunstwerk um, das per se auf Vergänglichkeit angelegt ist? Luisa Ziaja erläutert, welche konservatorischen Lösungen entwickelt wurden, um „Waschtag” langfristig zu erhalten – ohne dabei den künstlerischen Charakter des Werkes zu verraten. Die Frage, wie viel Veränderung ein Werk verträgt und trotzdem noch „dasselbe” bleibt, ist dabei nicht nur technisch, sondern auch philosophisch.
Wie tritt eine Ausstellungsarchitektur mit dem Gebäude selbst in Dialog? Heimo Zobernig hat für „Stellprobe” im Belvedere 21 ein Display entwickelt, das die Architektur des Pavillons nicht überspielt, sondern ihr antwortet.
Eine Ausstellung über das Ausstellen selbst
„Stellprobe” im Belvedere 21 Wien ist keine gewöhnliche Ausstellung. Sie fragt, wie Ausstellungsarchitektur entsteht – und wie sie sich zur gegebenen Architektur eines Hauses verhält. Für diese Aufgabe hat Heimo Zobernig ein Display entwickelt, das beide Ausstellungsebenen des Pavillons miteinander verbindet und der bestehenden Architektur ein eigenständiges Gegenüber gibt.
Der Pavillon im Pavillon
Zobernigs Grundidee ist so einfach wie präzise: ein Pavillon im Pavillon. Eine eigenständige Struktur innerhalb eines Gebäudes, das selbst als Pavillon konzipiert ist. Das Display schafft neue Raumverhältnisse, neue Blickachsen und neue Übergänge zwischen innen und außen – ohne die Architektur des Belvedere 21 zu ignorieren oder zu überdecken. Stattdessen entsteht ein Dialog zwischen zwei Ebenen: der historischen Gebäudearchitektur und der temporären Ausstellungsstruktur.
Warum die Ausstellung heißt wie sie heißt
Der Begriff “Stellprobe” stammt aus dem Theater und bezeichnet einen Moment, in dem Bühne, räumliche Setzungen und Schauspieler*innen erstmals zusammenkommen. An dieser Vorläufigkeit orientiert sich die Ausstellung. Gleichzeitig entsteht hier ein Entwurf dafür, die zeitgenössische Sammlung des Belvedere in Zukunft “stehen” könnte.
Über die Ausstellung
Das Belvedere 21 bringt 150 Kunstwerke in einer Schau auf mehreren Ebenen zusammen. Alle Werke der “Stellprobe” sind Erwerbungen oder Schenkungen der vergangenen zehn Jahre. Die Zusammenstellung ist ein Versuch und folgt der Intuition. Sie bespielt das Erdgeschoss, Obergeschoss, Blickle Kino und Garten des Hauses.
Die Ausstellung nimmt den Bestand unter die Lupe, der seit 2017 in die Sammlung kam.
“Wir haben uns vorgenommen, Rechenschaft abzulegen, über ein Jahrzehnt von Sammlungszuwächsen. Wie ist diese Sammlung gewachsen? Um wie viel Stück? Was waren die Schwerpunkte?”_ Stella Rollig, Generaldirektorin und Kuratorin
Der Blick auf die Werke erlaubt, Bilanz zu ziehen und unternimmt gleichzeitig den Versuch eines Blicks in die mögliche Zukunft des Museums und seiner Sammlungsstrategie.
Stellprobe: Zwischen Schwerpunktsetzung und Raumfrage
Nicht alles, was erworben wurde, findet auch Platz. „Natürlich versucht man bestimmte Schwerpunkte zu stärken, die einem auch in der Sammlungstätigkeit wichtig waren”, erklärt Rollig. Doch es gibt auch harte Ausschlüsse, die sich schlicht aus dem Format ergeben. Ganze Rauminstallationen, die das Museum in den vergangenen Jahren erwarb, sprengen den Rahmen einer Gruppenausstellung – sie nehmen schlicht zu viel Raum ein. Die Kuratorin musste also nicht nur auswählen, sondern auch verdichten, aussieben und strategisch planen.
Beide Ebenen, eine Fülle: Das ganze Haus im Blick
Was diese Ausstellung von anderen unterscheidet, ist das Format selbst. Üblicherweise werden die beiden Ebenen des Belvedere 21 getrennt voneinander bespielt. Für eine Sammlungsbilanz-Ausstellung war es jedoch „geradezu notwendig, das ganze Haus in Beschlag zu nehmen”. So entstand eine Schau in schierer Fülle: Werke wurden wieder reingeholt, immer umgeben von einer Fülle von Abbildungen. Das Ergebnis ist eine dichte, übergreifende Präsentation, die das Museum als Gesamtkunstwerk erlebbar macht – eingefasst im Display von Heimo Zobernig.
Kuratiert von Stella Rollig und Luisa Ziaja. Assistenzkuratorinnen: Johanna Hofer und Katarina Lozo
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