Kann Kunst Dinge ausdrücken, für die unsere Sprache schlichtweg zu begrenzt ist? Das Lenbachhaus München widmet sich in der Ausstellung „Shifting the Silence. Die Stille verschieben“ genau dieser Grenzziehung. Inspiriert von der Malerin und Schriftstellerin Etel Adnan, lädt die Schau dazu ein, das Poetische jenseits der Worte zu entdecken – und gesellschaftliche Stille radikal zu verschieben.
Ein Highlight der Ausstellung ist die Auseinandersetzung mit der Künstlerin Nicole Wermers, die im Interview tiefe Einblicke in ihre skulpturale Praxis gibt. Ihre Werke sind nicht nur ästhetische Objekte, sondern messerscharfe Kommentare zu unserem Alltag.
Nicole Wermers: Die Politik des Abwaschs
In ihren Arbeiten rückt Wermers Tätigkeiten in den Fokus, die in unserer Gesellschaft oft unsichtbar bleiben. In der Ausstellung sind zwei zentrale Werkgruppen zu sehen:
- „Abwaschskulpturen“: Wermers verwandelt das Alltäglichste – den Abwasch – in Kunst. Sie thematisiert damit die oft unterschätzte Care-Arbeit und fragt: Wer verrichtet diese Arbeit? Warum wird sie im Kunstkontext (und darüber hinaus) übersehen?
- „Reclining Female“: Hier spielt sie mit der klassischen Kunstgeschichte des „liegenden weiblichen Aktes“, bricht diese jedoch durch moderne Materialien und gesellschaftliche Zuschreibungen auf.
- Sichtbarkeit: Indem sie häusliche und geschlechtsspezifische Arbeit in den musealen Raum holt, verleiht sie diesen oft „stummen“ Tätigkeiten eine neue, kraftvolle Bedeutung.
Etel Adnan und die Grenzen der Sprache
Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf das Werk von Etel Adnan. Die Künstlerin schlug vor, die Stille nicht zu brechen, sondern zu „verschieben“.
- Das Unaussprechliche: Sprache dient der Verständigung, kann aber auch zum Hindernis werden, wenn es um die vielschichtigen Eindrücke bildender Kunst geht.
- Das Poetische als Eigenwert: Die Ausstellung ermutigt dazu, Kunst als eine Form der Wahrnehmung zu akzeptieren, die nicht vollständig in Worte übersetzt werden muss.
- Erweiterung des Sagbaren: „Shifting the Silence“ bedeutet auch, den Diskurs über Kunst und Gesellschaft um Nuancen zu bereichern, die in rein logischen Sätzen verloren gingen.
Produktion: Pech und Schwefel GmbH
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