Raphael Gross über „Umstrittene Verwandtschaft“: Was verbindet koloniale und nationalsozialistische Gewalt?

Wie lassen sich koloniale Gewalt und nationalsozialistische Verbrechen historisch miteinander vergleichen? Welche Parallelen sind tatsächlich belegt, und wo liegen die entscheidenden Unterschiede? In der Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ widmet sich das Deutsche Historische Museum einer Debatte, die seit den 1930er-Jahren geführt wird und bis in die Gegenwart reicht. DHM-Präsident Raphael Gross erläutert, warum es darum geht, die Geschichte dieser Vergleiche zu untersuchen und dem Publikum eine fundierte eigene Urteilsbildung zu ermöglichen.

Eine Debatte historisch einordnen

Ausgangspunkt für die Ausstellung war das Unbehagen von Raphael Gross angesichts der intensiven internationalen Diskussion über den Vergleich von Nationalsozialismus und Kolonialismus in den vergangenen Jahren. Sein ursprüngliches Anliegen sei es gewesen, diese Debatte zunächst zu historisieren, statt unmittelbar Stellung zu ihr zu beziehen.

Denn die Auseinandersetzung ist keineswegs neu: Schon in den 1930er-Jahren wurden koloniale und faschistische Gewalt miteinander in Verbindung gebracht. In der Nachkriegszeit setzte sich die Diskussion fort und wird bis heute geführt. Die Ausstellung zeichnet diese Entwicklung nach und untersucht anhand historischer Quellen, an welchen Stellen die Vergleiche polemisch, ungenau oder unscharf sind – und wo sie tatsächlich einen Erkenntnisgewinn ermöglichen.

„Kolonialfaschismus“: Parallelen und politische Interessen

Ein frühes Beispiel für die Verbindung beider Gewaltformen ist der Begriff „Kolonialfaschismus“, der in den 1930er-Jahren aufkam. Er brachte koloniale Herrschaftspraktiken mit faschistischer Gewalt in Beziehung.

Auch die Nationalsozialisten selbst verwiesen auf den europäischen Kolonialismus, um ihre Verbrechen in den besetzten Gebieten Osteuropas in eine vermeintliche Tradition europäischer Großmachtpolitik einzuordnen. Versklavung, Ghettoisierung, Umsiedlung, Zwangsarbeit und Massenmord sollten als vergleichbare Formen der Gewalt erscheinen. Die nationalsozialistische Vorstellung, im Osten ein eigenes Kolonialgebiet zu schaffen, knüpfte dabei an europäische Herrschaftspraktiken in Afrika und Asien an.

Für Gross zeigt dieses Beispiel, dass historische Vergleiche auch politischen Interessen dienen können. Wo Verbrechen gleichgesetzt werden, obwohl sie sich bei genauer Betrachtung an entscheidenden Punkten unterscheiden, stellt sich die Frage nach den Absichten hinter dem Vergleich. Zugleich gibt es einen realen historischen Hintergrund, der untersucht werden muss. Genau hier setzt die Arbeit des Museums an: Es will nachvollziehbar machen, welche Parallelen empirisch belegt sind und wo die Unterschiede überwiegen.

Konzentrationslager und Zwangsarbeit: Was ist vergleichbar?

Zwischen kolonialen und nationalsozialistischen Gewaltregimen lassen sich durchaus Gemeinsamkeiten erkennen. Lager, Konzentrationslager und Zwangsarbeit gab es sowohl in kolonialen Zusammenhängen als auch unter nationalsozialistischer Herrschaft. Solche Ähnlichkeiten bilden einen Ausgangspunkt für den historischen Vergleich.

Doch gleiche Begriffe bedeuten nicht automatisch gleiche Bedingungen oder Erfahrungen. Gross betont, dass die konkreten Formen der Gewalt, ihre Ziele und die Handlungsmöglichkeiten der Betroffenen berücksichtigt werden müssen. Ein Vergleich darf deshalb nicht bei äußerlichen Gemeinsamkeiten stehen bleiben, sondern muss die jeweiligen historischen Kontexte einbeziehen.

Gandhi und Martin Buber: Warum Lager nicht gleich Lager sind

Wie unterschiedlich die Situationen sein konnten, verdeutlicht ein Beispiel aus dem Jahr 1938. Mahatma Gandhi schrieb damals an den Religionsphilosophen Martin Buber und empfahl ihm, angesichts der nationalsozialistischen Verfolgung auf passiven Widerstand zu setzen. Aus seinen Erfahrungen mit dem antikolonialen Widerstand gegen die britische Kolonialmacht heraus hielt Gandhi diese Strategie auch in Lagern für aussichtsreich.

Buber widersprach dieser Einschätzung entschieden. Die Bedingungen in einem deutschen Konzentrationslager seien grundlegend andere als jene, unter denen Gandhis Widerstandsstrategie gegen die britische Kolonialherrschaft Wirkung entfalten konnte. Passiver Widerstand würde die Nationalsozialisten nicht in gleicher Weise beeindrucken.

Das Beispiel macht deutlich, warum historische Vergleiche differenziert geprüft werden müssen: Ähnliche Begriffe oder scheinbar vergleichbare Situationen können sich hinsichtlich ihrer Machtverhältnisse, Gewaltbedingungen und Handlungsspielräume erheblich unterscheiden.

Historische Urteilskraft statt vorschneller Gleichsetzung

Raphael Gross räumt ein, dass sich das ursprüngliche Ziel, die Debatte lediglich historisch einzuordnen, nicht vollständig verwirklichen ließ. Wer eine laufende Diskussion historisiert, wird unweigerlich selbst Teil dieser Auseinandersetzung – auch wenn das nicht die ursprüngliche Absicht war.

Die Aufgabe eines historischen Museums besteht für Gross deshalb darin, solche Debatten zum Anlass zu nehmen, historische Urteilskraft zu stärken. Die Ausstellung soll weder vorschnelle Gleichsetzungen fördern noch mögliche Zusammenhänge ausblenden. Stattdessen zeigt sie, wie Vergleiche entstanden sind, welchen politischen Zwecken sie dienen können und welche Erkenntnisse sich aus der Untersuchung historischer Quellen gewinnen lassen.

„Umstrittene Verwandtschaft“ lädt das Publikum dazu ein, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt kritisch zu prüfen und sich auf einer historischen Grundlage ein eigenes Urteil zu bilden.

Mehr unter: www.dhm.de

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