Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen zwischen kolonialer Gewalt und den Verbrechen des Nationalsozialismus? Die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ widmet sich einer historischen und gesellschaftlichen Debatte, die bis heute geführt wird. In einer begleitenden Interviewreihe beleuchten elf internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedliche Aspekte von Gewalt, Rassismus, Antisemitismus und Erinnerungskultur.
Kolonialismus und Nationalsozialismus im historischen Vergleich
Die Frage nach den historischen Beziehungen zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus beschäftigt die Wissenschaft bereits seit den 1930er-Jahren. Im Mittelpunkt stehen mögliche Kontinuitäten, grundlegende Unterschiede und die Frage, unter welchen Voraussetzungen sich unterschiedliche Formen staatlicher und organisierter Gewalt vergleichen lassen.
Die Debatte reicht weit über die Geschichtswissenschaft hinaus. Auch in den Sozial- und Kulturwissenschaften, in politischen Diskussionen, Medien und Kunst sowie in der öffentlichen Erinnerungskultur werden diese Zusammenhänge untersucht.
Die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ greift diese Diskussion auf und stellt verschiedene Forschungsansätze nebeneinander. Dabei geht es nicht darum, historische Verbrechen gleichzusetzen, sondern Gemeinsamkeiten und Unterschiede differenziert zu untersuchen und die jeweiligen historischen Kontexte zu berücksichtigen.
Elf Interviews eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf historische Gewalt
Eine begleitende Videoreihe erweitert die Ausstellung um die Stimmen internationaler Fachleute. Die Interviews widmen sich einzelnen Themenbereichen und unterschiedlichen wissenschaftlichen Positionen.
Der Historiker Jürgen Matthäus beschäftigt sich mit der Sichtbarkeit nationalsozialistischer Verbrechen und dem Wissen darüber. Sein Interview greift damit die Frage auf, wie Gewalttaten wahrgenommen, dokumentiert und historisch eingeordnet werden.
Natalya Vince widmet sich dem Widerstand im Kolonialismus. Dabei steht die Auseinandersetzung mit antikolonialen Handlungsmöglichkeiten und den Erfahrungen der von kolonialer Herrschaft betroffenen Menschen im Mittelpunkt.
Die Historikerin Michelle Moyd untersucht das Thema Kollaboration im Kolonialismus. Ihr Beitrag eröffnet eine Perspektive auf die unterschiedlichen Rollen und Handlungsspielräume innerhalb kolonialer Herrschaftssysteme.
Zwangsarbeit, Lager und nationalsozialistische Expansionspolitik
Weitere Interviews beschäftigen sich mit konkreten Formen historischer Gewalt und Unterdrückung.
Ulrich Herbert behandelt das Thema Zwangsarbeit und damit einen zentralen Bestandteil der nationalsozialistischen Herrschafts- und Kriegswirtschaft.
Emma Kuby widmet sich kolonialen und nationalsozialistischen Lagern. Der Vergleich solcher Einrichtungen wirft Fragen nach ihren jeweiligen Funktionen, den Formen der Internierung und den unterschiedlichen historischen Bedingungen auf.
Wendy Lower beschäftigt sich mit Eroberung und Siedlung im Nationalsozialismus. Ihr Interview richtet den Blick auf die nationalsozialistische Expansionspolitik und die damit verbundenen Gewaltverbrechen.
Die Beiträge zeigen, welche unterschiedlichen Themenfelder für eine vergleichende Untersuchung kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt relevant sind.
Rassismus, Antisemitismus und Kolonialfaschismus
Ein weiterer Schwerpunkt der Interviewreihe liegt auf ideologischen Grundlagen und historischen Deutungsansätzen.
Der Historiker Marc Roseman beschäftigt sich mit Rassismus und Antisemitismus. Im Zentrum steht die Frage, wie unterschiedliche Formen rassistischer Ideologie historisch untersucht und in ihren jeweiligen Besonderheiten verstanden werden können.
Leslie James widmet sich dem Kolonialfaschismus und damit den Beziehungen zwischen kolonialen Herrschaftsformen und faschistischen Ideologien.
Diese Themen verdeutlichen, wie eng die Erforschung historischer Gewalt mit der Analyse politischer Weltbilder, gesellschaftlicher Hierarchien und rassistischer Ausgrenzung verbunden ist.
Wie vergleichbar sind Kolonialismus und Nationalsozialismus?
Die grundsätzliche Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen historischer Vergleiche steht im Mittelpunkt von drei weiteren Interviews.
Stefanie Middendorf, Martin Thomas und Edward Kissi beschäftigen sich jeweils mit dem Vergleich von Kolonialismus und Nationalsozialismus.
Ihre Beiträge erweitern die Diskussion um unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge zu historischen Kontinuitäten, Brüchen und strukturellen Gemeinsamkeiten.
Dabei ist die Unterscheidung zwischen Vergleich und Gleichsetzung von besonderer Bedeutung. Historische Vergleiche können helfen, bestimmte Mechanismen von Herrschaft und Gewalt besser zu verstehen. Zugleich müssen die spezifischen Ursachen, Ziele und Folgen der untersuchten Verbrechen berücksichtigt werden.
Erinnerungskultur zwischen wissenschaftlicher Forschung und öffentlicher Debatte
Die Ausstellung und die begleitenden Interviews greifen ein Thema auf, das auch für die gegenwärtige Erinnerungskultur von Bedeutung ist.
Die Auseinandersetzung mit kolonialer Gewalt und nationalsozialistischen Verbrechen wirft Fragen danach auf, wie unterschiedliche historische Erfahrungen öffentlich erinnert werden und welche Perspektiven in gesellschaftlichen Debatten sichtbar sind.
Die Interviews verdeutlichen die Vielfalt der wissenschaftlichen Ansätze und machen deutlich, dass historische Vergleiche sorgfältige Kontextualisierung erfordern.
Mit „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ wird die wissenschaftliche Diskussion einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Die Videobeiträge bieten die Möglichkeit, einzelne Forschungsfragen vertiefend kennenzulernen und sich mit unterschiedlichen Positionen auseinanderzusetzen.
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