Wie wird das Mittelalter in Computer- und Brettspielen dargestellt? Und warum fasziniert diese Epoche die Spielewelt bis heute? Der Historiker und Spieleforscher Dr. Lukas Boch untersucht in einem Vortrag am Europäischen Hansemuseum Lübeck, wie digitale und analoge Spiele historische Welten erschaffen. Die Veranstaltung begleitet die Sonderausstellung „Let’s Play Mittelalter. Wie Games Geschichte erzählen“ und beleuchtet das Spannungsfeld zwischen historischer Authentizität, populären Vorstellungen und spielerischer Fiktion.
Warum das Mittelalter in Computer- und Brettspielen so beliebt ist
Burgen, Ritter, mittelalterliche Städte und historische Konflikte gehören zu den bekanntesten Motiven digitaler und analoger Spiele. Kaum eine andere historische Epoche ist in der Spielekultur so präsent wie das Mittelalter. Doch was macht diese Zeit für die Entwicklung von Games besonders interessant? Dieser Frage widmet sich der Historiker Dr. Lukas Boch in seinem Vortrag am Europäischen Hansemuseum.
Anhand ausgewählter Spielbeispiele untersucht er, wie Entwicklerinnen und Entwickler historische Schauplätze gestalten und mit welchen Mitteln sie den Eindruck einer glaubwürdigen Vergangenheit erzeugen. Dabei geht es nicht nur um die Darstellung mittelalterlicher Architektur, Kleidung oder gesellschaftlicher Strukturen. Auch Spielmechaniken, Erzählweisen und die Möglichkeiten der Interaktion beeinflussen, wie Spielerinnen und Spieler eine historische Epoche wahrnehmen.
Zwischen historischer Authentizität und Fantasy-Welten
Mittelalter-Games bewegen sich häufig zwischen wissenschaftlich erforschter Geschichte und fantasievollen Vorstellungen von der Vergangenheit. Während einige Spiele versuchen, historische Lebenswelten möglichst detailgetreu nachzubilden, greifen andere auf Motive aus Legenden, Fantasy-Literatur und populärer Kultur zurück. Ritter, Könige, Burgen und mittelalterliche Konflikte werden dabei zu Elementen interaktiver Erzählungen.
Der Vortrag beschäftigt sich mit der Frage, wie Spiele historische Atmosphäre und Authentizität herstellen, ohne zwangsläufig eine vollständig realistische Darstellung anzustreben. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den kreativen Möglichkeiten des Game Designs. Das Mittelalter bietet eine Vielzahl gesellschaftlicher, politischer und kultureller Themen, die sich in Spielregeln, Aufgaben und erzählerische Entscheidungen übersetzen lassen.
Wie Games unsere Vorstellungen vom Mittelalter prägen
Historische Spiele vermitteln nicht nur Wissen über vergangene Epochen. Sie beeinflussen auch, welche Bilder der Vergangenheit in der Gesellschaft verbreitet sind. Dr. Lukas Boch zeigt, dass Mittelalter-Games immer auch Produkte ihrer eigenen Entstehungszeit sind. Die Auswahl historischer Ereignisse, die Gestaltung von Figuren und die Darstellung gesellschaftlicher Konflikte spiegeln häufig gegenwärtige Interessen und Wertvorstellungen wider.
Damit sind Spiele nicht einfach digitale oder analoge Rekonstruktionen der Geschichte. Sie interpretieren historische Zusammenhänge neu und machen Vergangenheit durch spielerische Entscheidungen erfahrbar. Der Vortrag eröffnet so eine kulturwissenschaftliche Perspektive auf Games als Medien der Geschichtsvermittlung und als Bestandteil moderner Erinnerungskultur.
Dr. Lukas Boch erforscht das Mittelalter in der Spielekultur
Der Referent Lukas Boch beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Darstellung des Mittelalters in digitalen und analogen Spielen. Er promovierte über das Mittelalter im modernen Brettspiel und dessen Bedeutung für populäre Geschichtskulturen. Seine Forschung verbindet historische Fragestellungen mit der Analyse von Spielmechaniken, Erzählstrukturen und gesellschaftlichen Vorstellungen.
Boch ist Gründungsmitglied des Forschungsprojekts „Boardgame Historian“ und Mitglied im Arbeitskreis Geisteswissenschaften und Digitale Spiele (AKGWDS). Darüber hinaus ist er am Projekt „Mittelalter.Digital“ beteiligt. Seit November 2024 arbeitet er als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter am Europäischen Hansemuseum in Lübeck und ist an der Entwicklung der Ausstellung „Let’s Play Mittelalter. Wie Games Geschichte erzählen“ beteiligt. An der Universität Bonn engagiert er sich außerdem im „Lab for Analog Games and Imaginative Play“, wo er als Ansprechpartner für den Bereich Brettspiele tätig ist.
Sonderausstellung „Let’s Play Mittelalter“ im Hansemuseum Lübeck
Der Vortrag ist Teil des Begleitprogramms zur Sonderausstellung „Let’s Play Mittelalter. Wie Games Geschichte erzählen“ im Europäischen Hansemuseum. Die Ausstellung beschäftigt sich mit der Frage, wie Computerspiele, Brettspiele und andere interaktive Formate historische Inhalte vermitteln und welche Vorstellungen vom Mittelalter sie dabei erzeugen.
Im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Geschichtsforschung und populärer Spielekultur. Die Ausstellung verdeutlicht, dass Games längst zu wichtigen Medien geworden sind, über die Menschen mit historischen Themen in Berührung kommen. Die Veranstaltung gehört zugleich zur Vortragsreihe „Handel, Geld und Politik vom Mittelalter bis heute“ der Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums (FGHO).
Mit dem Vortrag verbindet das Europäische Hansemuseum historische Forschung, moderne Spielekultur und Fragen der musealen Wissensvermittlung.
Mehr unter: hansemuseum.eu






