22 Jahre nach dem Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist die Weimarer Werkstatt noch immer einzigartig in Deutschland – doch ihre Zukunft ist ungeklärt. Harald Lesch schlägt Alarm.
Eine Nacht, die die Kulturwelt erschütterte
Am 2. September 2004 brach in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar ein Großbrand aus. 50.000 Bücher wurden unwiederbringlich vernichtet, 118.000 weitere nur noch beschädigt geborgen. Was folgte, war nicht nur Trauer um unersetzliches Kulturgut – sondern auch die schmerzhafte Erkenntnis, dass es damals schlicht keine Methoden gab, um brandgeschädigte Bücher in großen Mengen zu restaurieren.
Eine Werkstatt entsteht – einzigartig in Deutschland
Als direkte Konsequenz aus der Katastrophe errichtete die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar-Legefeld die bundesweit einzige Restaurierungswerkstatt für brandgeschädigtes Schriftgut. Heute verbindet die Akademische Lehr- und Restaurierungswerkstatt als Lehrwerkstatt, Forschungsplattform und Servicestelle drei Bereiche: innovative restauratorische Methoden, materialwissenschaftliche Forschung und praktische Anwendung in einem kooperativen Modell. Ziel ist ein nachhaltiger, ressourcenschonender Originalerhalt und eine systematische Methodenentwicklung im Verbund.
Fachkolloquium „Retten im Verbund!”: Experten suchen Antworten
Vom 26. bis 27. März 2026 fand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek das Fachkolloquium „Retten im Verbund!” statt. Expertinnen und Experten aus Forschung, Hochschullehre und Praxis diskutierten in Vorträgen, wie das schriftliche Kulturgut Deutschlands auch künftig gesichert werden kann. Das ernüchternde Ergebnis: Obwohl Methoden und Innovationen theoretisch existieren, ist die Werkstatt in Weimar-Legefeld auch im Jahr 2026 die einzige Institution in Deutschland, die brandgeschädigte Bücher in großer Menge tatsächlich behandeln kann.
Harald Lesch: „Kulturnotfall”
Angesichts der ungeklärten Zukunft der Werkstatt fand der Wissenschaftsjournalist und Physiker Harald Lesch deutliche Worte: Er sprach von einem „Kulturnotfall”. Zum Abschluss des Kolloquiums diskutierte er am 27. März 2026 mit den Fachleuten über Ansätze für eine langfristige Perspektive – und machte damit deutlich, dass die Frage nach der Zukunft dieser einzigartigen Institution keine interne Bibliotheksangelegenheit ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche.
Eine offene Frage mit großer Tragweite
Was geschieht, wenn bei einem künftigen Brand in einer deutschen Bibliothek oder einem Archiv Tausende Bücher beschädigt werden – und die Weimarer Werkstatt nicht mehr existiert? Die Fachtagung machte deutlich: Deutschland hat bislang keine Antwort auf dieses Szenario. Die Sicherung schriftlichen Kulturguts ist eine Aufgabe, die Institutionen, Politik und Gesellschaft gemeinsam tragen müssen.
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