Indigene Gegenentwürfe zur US-Geschichte
Anlässlich des 250. Jahrestags der US-Unabhängigkeit im Jahr 2026 richtet das Museum Ludwig den Blick neu aus. Die Ausstellung HIER UND JETZT: De/Collecting Memories from Turtle Island konfrontiert historische Amerikabilder mit zeitgenössischen Positionen der indigenen Künstlerinnen Marie Watt und Wendy Red Star.
Das Kölner Museum Ludwig beherbergt die umfangreichste Pop-Art-Sammlung außerhalb der USA und ist traditionell eng mit der US-amerikanischen Kunstgeschichte verknüpft. Doch pünktlich zum Jubiläumsjahr der Vereinigten Staaten hinterfragt das Haus gängige Narrative der westlichen Geschichtsschreibung. Ab dem 7. Februar 2026 stehen nicht die Gründungsmythen der USA im Fokus, sondern „Turtle Island“ – eine in vielen indigenen Schöpfungsgeschichten verwurzelte Bezeichnung für den nordamerikanischen Kontinent.
Dekonstruktion des amerikanischen Mythos
Ausgangspunkt der Schau ist ein historisches Konvolut, das das Museum 2023 erwarb: Fotochrome der Detroit Publishing Company aus der Zeit um 1900. Diese millionenfach verbreiteten Farbbilder prägten das touristische Bild der USA nachhaltig. Sie zeigen ikonische Orte wie den Yellowstone Nationalpark oder den Grand Canyon als menschenleere, unberührte Naturräume.
Die Ausstellung De/Collecting Memories from Turtle Island entlarvt diese Leere als Konstruktion. Lange vor Ankunft der Europäer und der Staatsgründung vor 250 Jahren war das Land Heimat zahlreicher Nationen. Die Schau setzt dort an, wo die Postkartenmotive enden, und überschreibt die romantisierte „Entdeckung“ mit den verdrängten Perspektiven indigener Bevölkerungsgruppen.
Wendy Red Star: Satire gegen Stereotype
Die 1981 geborene Künstlerin Wendy Red Star nutzt fotografische Selbstinszenierungen, um westliche Vorstellungen von Indigenität humorvoll und satirisch zu brechen. In ihrer Arbeit hinterfragt sie kritisch das Label „Native Artist“, das in institutionellen Kontexten oft mehr als einschränkender Container denn als Beschreibung fungiert.
Red Star, die sich selbst als Apsáalooke verortet und deren Arbeit tief in der Geschichte ihres Volkes gründet, fordert mit ihren Werken dazu auf, den Blick für die Mechanismen der Kategorisierung zu schärfen und differenzierter hinzuschauen.
Marie Watt: Heilung, Klang und Interaktion
Marie Watt (geb. 1967, Mitglied der Seneca Nation) hat für das Museum Ludwig die raumgreifende Installation Thirteen Moons entwickelt. Die Arbeit besteht aus dreizehn hängenden Skulpturen aus Zinnschellen, die eine starke visuelle und auditive Präsenz entfalten. Im Gegensatz zur klassischen musealen Distanz ist hier Berührung erwünscht: Besucher können die Schellen in Bewegung versetzen und einen Klangraum erzeugen.
Die Installation referenziert den „Jingle-Dress-Tanz“ der Ojibwe, der um 1900 während der Grippepandemie als Heilungsritual entstand. Historisch ist der Tanz auch ein Akt des Widerstands, da er trotz des Verbots traditioneller Versammlungen durch die US-Regierung (1883–1978) praktiziert und weitergegeben wurde. Für die Performance arbeitet Watt mit der Jingle-Dress-Tänzerin Acosia Red Elk (Umatilla) zusammen.
HIER UND JETZT: Institutionelle Selbstkritik
De/Collecting Memories from Turtle Island ist die elfte Ausgabe der Reihe HIER UND JETZT. Mit diesem Format unterzieht das Museum Ludwig die eigene Arbeit und Sammlungspraxis regelmäßig einer kritischen Prüfung. Die aktuelle Ausstellung wird durch die Fördergruppe HIER UND JETZT der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig e. V. substanziell unterstützt.
Mehr unter: www.museum-ludwig.de







