Sprache, Raum und stille Rebellion: Min Yoon in der Kestner Gesellschaft Hannover

Min Yoon Passfoto des Künstlers
Min Yoon, Passfoto, courtesy der Künstler

Mit „A Pronoun of B” zeigt die Kestner Gesellschaft die erste umfassende Einzelausstellung des in Wien lebenden koreanischen Künstlers Min Yoon – eine raumgreifende Erkundung von Sprache, Zeit und institutioneller Macht.

Ein Buchstabe als Ausgangspunkt

Alles beginnt mit „B”. Der Buchstabe, dessen Ursprung in einer altägyptischen Hieroglyphe liegt, die dem Grundriss eines Hauses ähnelt, steht für Min Yoon für eine sprachliche und räumliche Abstraktion des Privaten, des Eigenen. Von diesem Ausgangspunkt aus nimmt der in Südkorea geborene und in Wien lebende Künstler eine weitreichende Neukonfiguration der Räumlichkeiten der Kestner Gesellschaft vor – die bereits an der Fassade des Gebäudes beginnt.

„NA DA UM”: Eine Botschaft in zwei Sprachen

Über dem Haupteingang hat Yoon das Namensschild der Institution verändert: Einige Buchstaben scheinen heruntergefallen, andere wurden hinzugefügt – das Ergebnis ist die Wortfolge „NA DA UM”. Im Koreanischen lässt sich dies als 나다움 lesen, was so viel bedeutet wie „man selbst sein” oder „so sein wie man ist”. Im Deutschen hingegen treten „na”, „da” und „um” als eigenständige sprachliche Elemente hervor. Dieser doppelte Boden aus Sprache und Bedeutung zieht sich durch die gesamte Ausstellung.

Handpuppen, Schnecken und ein persönliches Maßsystem

Im Inneren des Gebäudes entfaltet sich eine vielschichtige Installation. Eine überdimensionale Filzhandpuppe, eine große graue Schnecke und eine kopflose Figur mit schwebend montiertem Hut bilden ein bühnenartiges Ensemble, das Fragen nach künstlerischer Arbeit, Zeit und Produktivitätsdruck aufwirft. Im angrenzenden Raum erstreckt sich eine raumgreifende skulpturale Holzkonstruktion über rund 400 Quadratmeter: Mit Markierungen im Abstand von 20,5 Zentimetern folgt sie einer vom Künstler selbst bestimmten Maßeinheit – einem persönlichen System, das keinem offiziellen Standard entspricht und damit grundlegende Fragen zur Quantifizierung von Raum und Körper stellt.

Zensierte Bücher als stiller Ungehorsam

Ein besonders politisch aufgeladener Teil der Ausstellung reagiert auf das südkoreanische Bildungsprojekt „Nadaum Books”, das 2018 Kinderbücher zu Familienvielfalt und Sexualerziehung empfahl – und nach Protesten konservativer Gruppen abrupt eingestellt wurde. Yoon präsentiert zensierte oder aus Schulen zurückgezogene Bücher, die er in Anlehnung an eine bei jungen Koreanerinnen und Koreanern beliebte Personalisierungspraxis mit Papier, Buntstift und Ton verziert. Das Dekorieren verbotener Bücher wird so zum kleinen Akt der Wiederaneignung – und zur Sichtbarmachung marginalisierter Erfahrungen.

Mehr unter: kestnergesellschaft.de

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