Lücken als Sprache: Nhu Xuan Hua über Erinnerung, Migration und Fotografie

Im Fotomuseum Winterthur spricht die französisch-vietnamesische Künstlerin über Familienarchive, kulturelle Entwurzelung – und warum Leerstellen in ihrer Arbeit keine Fehler sind, sondern Kern des Werks.

Erinnerung als unvollständige Geschichte

Erinnerung ist kein lückenloses Archiv – das ist die Grundüberzeugung, von der Nhu Xuan Huas künstlerische Arbeit ausgeht. Im Gespräch mit Sammlungskuratorin Alessandra Nappo im Fotomuseum Winterthur erzählt die französisch-vietnamesische Künstlerin, wie persönliche Erlebnisse, Familienfotos und kulturelle Prägungen in ihr Schaffen einfließen. Bilder, Gefühle, Lücken und Veränderungen – all das gehört für sie zur Erinnerung dazu. Gerade die Leerstellen sind es, die sie nicht schließen, sondern produktiv machen will.

Migration, Entwurzelung und die Weitergabe von Erinnerungen

Ein zentrales Thema des Gesprächs ist Migration – und was sie mit dem Gedächtnis macht. Wie werden Erinnerungen über Generationen weitergegeben, wenn Sprachen, Orte und Kontexte sich verschieben? Nhu Xuan Hua nähert sich diesen Fragen nicht mit Erklärungen, sondern mit neuen Bildern und Erzählungen, die aus dem Nicht-Sagbaren entstehen.

Ein Dialog mit der Sammlung: Bekannte Namen, neue Verbindungen

Für die Ausstellung „(Mit)einander – Nhu Xuan Hua und die Sammlung des Fotomuseum Winterthur” setzte sich die Künstlerin intensiv mit Werken aus dem Sammlungsbestand auseinander. Fotografien von JH Engström, Rolf Winnewisser, Balthasar Burkhard, Duane Michals und Nan Goldin lösten persönliche Erinnerungen aus und führten zu unerwarteten Verbindungen mit ihren eigenen Arbeiten. So entstand ein vielschichtiger Dialog – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Vorstellung, dem Sichtbaren und dem, was fehlt.

Keine Vervollständigung, sondern Öffnung

Was Nhu Xuan Huas Ansatz besonders macht: Sie versucht nicht, Erinnerungen zu vervollständigen oder zu erklären. Stattdessen öffnet sie sie – für neue Lesarten, neue Bilder, neue Bedeutungen. Fotografie wird dabei nicht zum Beweis, sondern zum Medium des Zweifels und der Möglichkeit.

Video: © Fotomuseum Winterthur / Ayla Feridun-Dziedzic

Mehr unter: www.fotomuseum.ch

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