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Lucian Scherman Lecture mit Prof. Dr. Thomas Thiemeyer

22. Juli | 18:00

Museum im Wandel: Wem gehört das Kulturerbe?

Im Juni 2026 streitet die internationale Museumswelt über einen neuen Ethikkodex. Was steckt hinter dem Streit – und was sagt er über unsere Gesellschaft?

ICOM und ein Kodex, der Kontroversen auslöst

Im Juni 2026 stimmt der International Council of Museums (ICOM) über einen neuen Code of Ethics ab. Wie schon die vieldiskutierte neue ICOM-Museumsdefinition zuvor sorgt auch dieser Text für Auseinandersetzungen – denn er will das Selbstverständnis von Museen weltweit grundlegend neu schreiben. Prof. Dr. Thomas Thiemeyer von der Universität Tübingen nimmt diesen Anlass zum Ausgangspunkt eines Vortrags, der tiefer geht: Was steckt hinter diesem Wandel – und seit wann ist er zu beobachten?

Vom Schutz der Dinge zum Dienst an den Menschen

Der Perspektivwechsel, den der neue Kodex vollzieht, ist fundamental. Wo früher der Schutz von Kunst und Sammlung im Vordergrund stand, sollen Museen heute größeren gesellschaftlichen Zielen dienen: Menschenrechten, Klimaschutz, dem Schutz von Minderheiten, dem Abbau sozialer Ungleichheiten. Nicht mehr die Dinge stehen im Mittelpunkt, sondern die Menschen. Neben das Bewahren von Kulturerbe tritt das Zurückgeben von Raubkunst. Und wo einst die europäische Perspektive auf den Rest der Welt dominierte, sollen heute auch „die Anderen” eine eigene Stimme bekommen.

Diverse Gesellschaften brauchen andere Museen

Thiemeyers Kernthese lautet: Dieser Wandel im Selbstbild der Museen ist die Folge eines veränderten Blicks auf die Gesellschaft selbst. Gesellschaften werden heute nicht mehr als homogen, sondern als divers beschrieben – und das hat Konsequenzen. Museen können nicht länger unhinterfragt als Institutionen auftreten, die die große Meistererzählung einer einheitlichen Gruppe – etwa einer Nation – materiell beglaubigen. Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel in den ethnologischen Museen, die bei der Neucodierung des institutionellen Auftrags eine Vorreiterrolle spielen.

Kulturkampf um das Museum

Weil das Thema untrennbar mit Identitätsangeboten und Identitätspolitiken verknüpft ist, führt es zu politischen Grundsatzkonflikten, die längst in der öffentlichen Debatte als „Kulturkampf” verhandelt werden. Ob Restitution, Repräsentation oder die Frage nach dem Auftrag öffentlich geförderter Kulturinstitutionen – die Auseinandersetzungen um das Museum sind Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Werte und Deutungshoheit.

Der Referent

Prof. Dr. Thomas Thiemeyer lehrt am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Erinnerungskultur, Identitätskonstruktionen und die Institutionen der Wissenspopularisierung – insbesondere Museen, Archive und Sammlungen. Vor seiner akademischen Laufbahn war er unter anderem am Deutschen Literaturarchiv Marbach und als Kurator beim Stuttgarter Museumsgestalter HG Merz tätig, wo er am Mercedes-Benz-Museum mitwirkte. Der Vortrag ist Teil der Lucian Scherman Lectures.

Mehr unter: www.museum-fuenf-kontinente.de

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