Was passiert mit der Aura eines Bildes, wenn es sich verdoppelt? Und wo beginnt die Grenze zwischen einem Gebrauchsgegenstand und seiner künstlerischen Repräsentation? Der Kunstverein Friedrichshafen präsentiert vom 13. Februar bis 29. März 2026 mit „Copy of a Wall“ eine faszinierende Einzelausstellung der Malerin Lin Olschowka, die unsere Sehgewohnheiten radikal hinterfragt.
Die 1995 geborene Künstlerin, die in Karlsruhe lebt und arbeitet, nutzt die Malerei nicht als Fenster zur Welt, sondern als Labor für Bedeutungsprozesse. In ihrer ersten großen Schau am Bodensee im Jahr 2026 rückt sie das „Dazwischen“ ins Zentrum – jenen Moment, in dem Zuschreibungen noch offen sind.
Die Macht der Verdopplung: Jailed First
Das Herzstück der Ausstellung bilden zwei nahezu identische Selbstporträts vor der ikonischen Kulisse der Rügener Kreidefelsen. Unter den Titeln Jailed First 1 und Jailed First 2 bricht Olschowka das Dogma des singulären Kunstwerks:
- Serielle Ordnung statt Genie-Kult: Durch die Wiederholung verliert das Selbstbildnis seine Einzigartigkeit und wird Teil einer Reihe.
- Die Entdeckung der Differenz: Erst im direkten Vergleich, im minimalen Abstand zwischen den beiden Leinwänden, entsteht eine neue Form von Originalität.
- Prozesshafte Aura: Die Ausstrahlung des Werks ist nicht länger statisch, sondern verändert sich im Akt der Reproduktion.
Zwischen Breuer-Tisch und Sakralwelt
Olschowka verschiebt in ihren Arbeiten konsequent Hierarchien und Maßstäbe. Besonders deutlich wird dies im Werk S 285/1:
- Bild vs. Objekt: Eine Leinwand übernimmt exakt die Maße eines Tisches von Marcel Breuer. Da das reale Möbelstück im Raum präsent ist, verschwimmen die Grenzen: Ist das Bild ein Objekt? Ist der Tisch eine Skulptur?
- Stil-Clash: In Werken wie Mäuseloch oder Get-together treffen sakrale Bildtraditionen auf Popkultur. Die Künstlerin zeigt auf, dass Wahrnehmung immer vom Kontext und der Blickrichtung abhängt.
Ein offenes Gefüge ohne Ende
„Copy of a Wall“ folgt keiner klassischen, linearen Erzählung. Die Ausstellung ist als zirkuläres System konzipiert, in dem Zitate, Verschiebungen und Übertragungen die Führung übernehmen. Lin Olschowka lädt die Besucher ein, die Malerei als ein offenes Feld zu begreifen, in dem Bedeutungen niemals endgültig festgeschrieben sind.
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