Lesung und Gespräch mit Mona Yahia im jüdischen Museum Hohenems

Vier Generationen, vier historische Wendepunkte und eine Familiengeschichte zwischen Irak, Israel und der Türkei: Das Jüdische Museum Hohenems widmet der Schriftstellerin Mona Yahia eine Lesung mit anschließendem Gespräch. Im Mittelpunkt steht ihr Roman „Vier Tage – eine nahöstliche Tetralogie“, der die Geschichte einer orientalisch-jüdischen Familie über mehrere Jahrzehnte erzählt. Das Buch verbindet persönliche Lebensentscheidungen mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts und eröffnet Einblicke in jüdische Lebenswelten des Nahen Ostens.

„Vier Tage – eine nahöstliche Tetralogie“: Ein Roman über jüdische Familiengeschichte

In ihrem Roman Vier Tage – eine nahöstliche Tetralogie erzählt Mona Yahia von vier Generationen einer jüdischen Familie. Jedes der vier Kapitel konzentriert sich auf einen bestimmten Tag und eine historische Situation, die das Leben der Figuren entscheidend beeinflusst. Die Handlung führt von Mossul im Jahr 1918 über Tel Aviv 1936 und die Zeit des Jom-Kippur-Krieges 1973 bis nach Istanbul. Dabei geht es um Heimat und Verlust, Migration und Zugehörigkeit sowie um die Frage, wie politische Veränderungen persönliche Lebenswege prägen.

Die Lesung im Jüdischen Museum Hohenems am 10. September 2026 stellte diese Familiengeschichte und ihre historischen Hintergründe vor.

Mossul 1918: Eine jüdische Familie vor einer folgenreichen Entscheidung

Der Roman beginnt 1918 in Mossul, einer Stadt im heutigen Irak. Während des Ersten Weltkriegs gerät die Region unter britische Kontrolle. Für die Menschen vor Ort beginnt eine Phase politischer Unsicherheit und grundlegender Veränderungen. Im Mittelpunkt des ersten Kapitels steht der Arzt Hayim. Er muss entscheiden, ob er mit seiner Familie in Mossul bleibt oder angesichts der veränderten politischen Verhältnisse einen Neuanfang wagt. Anhand dieser persönlichen Entscheidung thematisiert Yahia die Lebensbedingungen jüdischer Familien im Nahen Osten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zugleich macht die Geschichte deutlich, wie eng individuelle Biografien und politische Entwicklungen miteinander verbunden sein können.

Tel Aviv 1936: Rebekkas Suche nach einem neuen Leben

Das zweite Kapitel führt nach Tel Aviv im Jahr 1936. Hayims Tochter Rebekka ist in die damals noch junge Stadt ausgewandert. Tel Aviv entwickelte sich in dieser Zeit zu einem wichtigen Zentrum jüdischer Einwanderung im britischen Mandatsgebiet Palästina. Rebekkas Geschichte steht für die Hoffnungen, Herausforderungen und Unsicherheiten, die mit einem Leben in einer neuen Umgebung verbunden sind. Ihre Erfahrungen werfen Fragen nach Herkunft, kultureller Identität und der Bedeutung familiärer Traditionen auf.

Der Roman zeigt damit auch, wie sich jüdische Lebensgeschichten durch Migration und gesellschaftliche Veränderungen über mehrere Länder und Generationen hinweg entwickeln.

Jom-Kippur-Krieg 1973: Leilas Erfahrungen während des Militärdienstes

Ein weiterer Teil des Romans spielt 1973, zu Beginn des Jom-Kippur-Krieges. Im Mittelpunkt steht Leila, eine Enkelin Hayims, die zu dieser Zeit ihren Militärdienst leistet. Der Krieg begann am 6. Oktober 1973 mit Angriffen ägyptischer und syrischer Streitkräfte auf israelische Stellungen.

Yahia verknüpft diesen historischen Einschnitt mit dem persönlichen Erleben ihrer Romanfigur. Die politische Situation wird dadurch nicht nur als Ereignis der Zeitgeschichte dargestellt, sondern als unmittelbare Erfahrung eines Menschen, dessen Alltag plötzlich von Krieg und Unsicherheit bestimmt wird. Das Kapitel erweitert die Familiengeschichte um Fragen nach Verantwortung, Angst und individueller Handlungsfreiheit.

Istanbul: Nemir und die Geschichte einer Familie zwischen Kulturen

Das vierte Kapitel führt nach Istanbul. Dort begegnen die Leserinnen und Leser Nemir, einem Enkel Hayims. Mit diesem Schauplatz erweitert Yahia die Familiengeschichte um eine weitere Stadt, die seit Jahrhunderten von unterschiedlichen religiösen, sprachlichen und kulturellen Traditionen geprägt ist. Istanbul steht zugleich für historische Verbindungen zwischen Europa und dem Nahen Osten.

Die Geschichte Nemirs greift die Erfahrungen früherer Generationen auf und führt die Frage nach Zugehörigkeit und familiärer Erinnerung weiter. So entsteht ein Roman, in dem vier Lebensgeschichten unterschiedliche Perspektiven auf eine gemeinsame Vergangenheit eröffnen.

Mona Yahia: Von Bagdad über Israel und Kassel zur Literatur

Die Lebensgeschichte der Autorin weist selbst zahlreiche Verbindungen zu den Themen ihres Romans auf. Mona Yahia wurde 1954 in Bagdad geboren. Im Jahr 1970 floh sie mit ihrer Familie in den Iran, von wo aus sie 1971 nach Israel auswanderte. Nach ihrem Militärdienst studierte sie Psychologie und französische Literatur an der Universität Tel Aviv. In den 1980er-Jahren setzte sie ihre Ausbildung in Deutschland fort und studierte Freie Kunst bei Harry Kramer an der Gesamthochschule Kassel.

Zunächst arbeitete sie im Bereich der Konzeptkunst, bevor sie sich verstärkt der Literatur zuwandte. Heute lebt Yahia in Köln und schreibt ihre literarischen Werke auf Englisch. Ihre Biografie ist von Migration, kulturellen Übergängen und unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen geprägt.

„Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom“: Internationaler Erfolg für Mona Yahia

Mit ihrem Debütroman Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom wurde Mona Yahia international bekannt. Das ursprünglich unter dem Titel „When the Grey Beetles Took over Baghdad“ veröffentlichte Buch erhielt 2001 in London den Jewish Quarterly Wingate Prize for Fiction.

Neben ihren Romanen veröffentlichte Yahia Erzählungen und Essays in englischen und deutschen Literaturzeitschriften sowie Anthologien. Darüber hinaus erschienen zwei Fotobände über die historischen Karawansereien Istanbuls. Ihre Arbeit verbindet literarische, historische und künstlerische Interessen. Insbesondere die Auseinandersetzung mit Erinnerung, Herkunft und den Erfahrungen jüdischer Familien im Nahen Osten spielt in ihrem Werk eine wichtige Rolle.

Jüdisches Museum Hohenems: Literatur als Zugang zu jüdischer Geschichte

Das Jüdische Museum Hohenems beschäftigt sich mit jüdischer Geschichte, Gegenwart und Erinnerungskultur. Neben Ausstellungen gehören Gespräche, Vorträge und literarische Veranstaltungen zum Programm des Museums. Die Lesung mit Mona Yahia fügt sich in diese Auseinandersetzung ein.

Der Roman „Vier Tage – eine nahöstliche Tetralogie“ eröffnet einen Blick auf jüdische Geschichte jenseits einer ausschließlich europäischen Perspektive. Er zeigt jüdische Lebenswelten im Irak, in Israel und in der Türkei und verbindet diese mit Fragen nach Migration und familiärer Identität.

Die deutsche Übersetzung stammt von Kirsten E. Lehmann. Erschienen ist das Buch im SALON LiteraturVERLAG in München.

Mehr unter: www.jm-hohenems.at/

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