Kindheit am Nil: Ein tiefer Einblick in die Lebenswelten der jüngsten Ägypter

Wie sah der Alltag der Kinder im alten Ägypten aus? Jenseits von Pharaonen und Pyramiden zeigt die Sonderausstellung „Kindheit am Nil“ im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst, wie die jüngste Generation lebte, arbeitete und spielte. Dr. Mélanie Flossmann-Schütze gibt in ihrem Vortrag faszinierende Einblicke in eine Welt zwischen Geburtsbetten, Haustieren und speziellen Kinderfrisuren.

Die ägyptische Kernfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und Kindern, war bereits vor Jahrtausenden die zentrale Säule der Gesellschaft. Weisheitslehren aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. rieten sogar schon damals dazu, lieber in einem kleinen eigenen Haus zu wohnen als bei den Schwiegereltern. Doch wie gestaltete sich das Leben in diesen Häusern für die Kleinsten?

Wohnraum ohne Kinderzimmer

Archäologisch lassen sich in altägyptischen Wohnhäusern keine speziellen Kinderzimmer nachweisen. Die Häuser folgten meist einem dreiteiligen Grundriss: Empfang, Hauptwohnbereich und Vorratshaltung. Das Familienleben fand oft auf dem flachen Dach statt, das über Leitern erreichbar war und zum Kochen, Schlafen oder Trocknen von Lebensmitteln genutzt wurde.

Ein besonderes archäologisches Highlight sind die sogenannten „Wöchnerinnenbetten“ in der Arbeitersiedlung Deir el-Medine. Diese kastenartigen Konstruktionen mit kleinen Treppen waren oft mit Schutzgottheiten wie dem Gott Bes oder der Göttin Taweret verziert, um Mutter und Neugeborenes in der ersten Zeit nach der Geburt vor bösen Geistern zu schützen.

Arbeit statt nur Spiel

Sobald Kinder entwöhnt waren – meist im Alter von etwa drei Jahren – wurden sie schrittweise in die Arbeitswelt integriert:

  • Feldarbeit: Jungen trieben Ochsen beim Pflügen an oder streuten Saatgut aus.
  • Handwerk: Kinder wurden bei der Herstellung von Tongefäßen oder Terracotta-Figurinen eingesetzt, da ihre kleinen Finger ideal für feine Arbeiten waren.
  • Hausdienst: Mädchen wurden oft als Dienerinnen für die Körperpflege der Hausherrin ausgebildet.

Spannend sind Darstellungen, die zeigen, dass Kinder auch damals schon „typische“ Kinder waren: So gibt es Szenen von Mädchen, die sich beim Kornaufsammeln erbittert in die Haare kriegen, oder von weinenden Jungen, deren Ernte von Schweinen gefressen wird.

Ernährung: Von Schnabeltassen und Fischsnacks

Kinder wurden lange gestillt, teils bis zum dritten Lebensjahr. Ammenverträge regelten dabei streng das Verhalten der Stillenden. Danach bestand die Nahrung vor allem aus Getreidebreien, Brot und Hülsenfrüchten.

  • Trinkgefäße: In Kindergräbern wurden oft kleine Schnabeltassen oder Tiergefäße gefunden, die als Trinklernbecher oder für medizinische Tröpfchen dienten.
  • Snacks: Papyri berichten von Geschenken für Kinder, wie etwa 12 Eiern oder 22 kleinen Sesamküchlein – allerdings mit der Ermahnung, nicht alles auf einmal zu essen.

Mode und Markenzeichen: Die Jugendlocke

Obwohl Kinder in der Kunst oft nackt dargestellt wurden, trugen sie im Alltag vermutlich einfache Tuniken oder Wickelgewänder zum Schutz vor Sonne und Insekten. Ein faszinierendes Fundstück aus dem Grab von Tutanchamun ist ein winziger Kinderhandschuh.

Das bekannteste Merkmal altägyptischer Kinder war jedoch die Seitenlocke (Jugendlocke). Diese wurde bei einem Ritual abgeschnitten, wenn das Kind in eine neue Lebensphase eintrat. Neben der Locke gab es aber auch Frisuren mit drei charakteristischen Haarbüscheln auf dem Kopf.

Dr. Flossmann-Schütze macht deutlich: Die Lebenswelt der ägyptischen Kinder war geprägt von familiärer Geborgenheit, frühzeitiger Verantwortung und einem tief verwurzelten Glauben an schützende Magie, der sie vom ersten Atemzug an begleitete.

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