Jüdische Kultur, Geschichte und Gegenwart auf TikTok – unterrepräsentiert, aber gefragt. Das Jüdische Museum Berlin geht dorthin, wo die junge Generation ist. Und entwickelt dabei eine Strategie, die weit über Content-Produktion hinausgeht.
TikTok ist keine offensichtliche Bühne für ein Kulturmuseum. Und erst recht keine einfache für ein Museum, das sich jüdischer Geschichte und Gegenwart widmet. Und dennoch ist das Jüdische Museum Berlin dort präsent – bewusst, strategisch und mit einem klaren Auftrag. Ha Van Dinh und Rosa Jellinek von der Stiftung Jüdisches Museum Berlin erklären, warum.
Die Grundüberlegung ist so einfach wie überzeugend: Jüdische Kultur, jüdischer Alltag, jüdische Geschichte sind auf TikTok massiv unterrepräsentiert. Gleichzeitig ist die Plattform für viele junge Menschen längst das, was Google für ältere Generationen ist – eine erste Anlaufstelle für Informationen und Orientierung. „Wir möchten die Leute erreichen, und das macht man am besten dort, wo sie sich bereits befinden”, sagt Ha Van Dinh.
Familiensammlungen, Talking Heads, Brücken in die Gegenwart
Der Kanal setzt auf mehrere Formate: Objekte und Geschichten aus den Familiensammlungen des Museums, die direkt aus jüdischen Lebenswirklichkeiten erzählen; Talking-Head-Videos mit Rosa Jellinek, die jüdische Perspektiven in der Gegenwart vermittelt – von der Bat Mizwa bis zu Chanukka-Traditionen. Immer mit dem Ziel, Brücken zu schlagen: von historischen Ereignissen zu gesellschaftlichen Fragen von heute.
Die primäre Zielgruppe sind junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren, die grundsätzliches Interesse an jüdischen Themen mitbringen, aber noch kein tiefes Hintergrundwissen haben. Facebook und Instagram erreichen diese Gruppe kaum noch – TikTok schon.
Antisemitismus als tägliche Realität
Doch die Plattform hat eine Schattenseite, über die im Museum offen gesprochen wird. Hasskommentare, Schoa-Relativierungen, antisemitische Beleidigungen – sie sind von Anfang an präsent und nehmen nicht ab. Das Team hat darauf mit einer durchdachten Community-Management-Strategie reagiert: Wer vor der Kamera steht, kümmert sich nicht um die Moderation. Moderationsleitfäden helfen dabei, Hassspeech von Falschinformation zu unterscheiden. Bei rechtswidrigen Inhalten gilt eine konsequente Nulltoleranzpolicy: löschen, dokumentieren, zur Anzeige bringen.
Nach außen kommuniziert das Museum klare Communityregeln – damit allen Nutzenden von Anfang an klar ist, was toleriert wird und was nicht.
Das positive Feedback zeigt: Der Ansatz trägt. Wissenslücken werden geschlossen, Interesse geweckt, Gemeinschaft gestärkt. Für das Jüdische Museum Berlin ist TikTok kein Experiment mehr – sondern ein notwendiger Ort der Sichtbarkeit.
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