Idyll und Verbrechen: Der Obersalzberg als Spiegel der NS-Geschichte

Oberhalb von Berchtesgaden, inmitten einer beeindruckenden Alpenkulisse, liegt der Obersalzberg. Doch die idyllische Landschaft trügt: Kaum ein anderer Ort verdeutlicht die Verbindung zwischen privatem Rückzug und staatlich organisiertem Verbrechen im Nationalsozialismus so drastisch wie dieser ehemalige „Führersperrbezirk“. Eine aktuelle Dokumentation beleuchtet die Geschichte dieses geschichtsträchtigen Ortes.

Vom Bergdorf zur Machtzentrale

Was Anfang der 1920er Jahre noch ein beschauliches Bauerndorf mit Pensionen war, verwandelte sich nach Adolf Hitlers Machtübernahme 1933 radikal. Hitler, der sich bereits 1923 in die Gegend verliebt hatte, mietete 1928 das Haus Wachenfeld und baute es später zum pompösen „Berghof“ aus. Der Obersalzberg wurde nach Berlin zur wichtigsten Machtzentrale des Regimes. Hier verbrachte der Diktator mehr als ein Viertel seiner Regierungszeit und traf weitreichende politische Entscheidungen, die in den Vernichtungskrieg und den Holocaust mündeten.

Propaganda vs. Realität

Die NS-Propaganda nutzte die Alpenidylle systematisch, um Hitler als volksnahen und sympathischen „Privatmann“ zu inszenieren. Bilder von Besuchen einfacher Bürger oder entspannten Runden auf der Berghofterrasse wurden massenhaft verbreitet. In der Realität war der Berg jedoch abgeriegelt. Einheimische Familien wurden mit massivem Druck, teils unter Androhung von KZ-Haft, von ihren Höfen vertrieben, um Platz für das „Führersperrgebiet“ und die Villen der NS-Prominenz wie Martin Bormann, Hermann Göring und Albert Speer zu machen.

Ort der Täter und Planungen

Die Dokumentation macht deutlich, dass am Obersalzberg die Grenze zwischen Freizeit und Verbrechen fließend war. Während Eva Braun private Filme von heiteren Szenen drehte, planten Hitler und sein Arzt Karl Brandt 1939 die systematische Ermordung kranker und behinderter Menschen (Euthanasie). Staatsgäste wie Neville Chamberlain oder Benito Mussolini wurden hier empfangen, während im Hintergrund bereits Befehle für den Angriff auf Polen und den Vernichtungskrieg im Osten vorbereitet wurden.

Das Erbe nach 1945

Nach dem Bombenangriff der Alliierten im April 1945 und der anschließenden Besetzung blieb die Ruine des Berghofs lange Zeit ein problematisches Ausflugsziel, an dem teils unkritisch mit der Geschichte umgegangen wurde. Erst 1952 wurden die Reste des Berghofs gesprengt. Heute verfolgt der Freistaat Bayern eine Strategie der geschichtlichen Aufarbeitung: 1999 wurde die Dokumentation Obersalzberg eröffnet, um den Ort als Mahnmal und Lernort zu etablieren.

Der Obersalzberg bleibt ein Ort, der uns heute mit der menschenverachtenden Politik der Nationalsozialisten konfrontiert – direkt dort, wo sie einst ihren Ausgang nahm.

Mehr unter: obersalzberg.de

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