Heimkehr: Die Poesie der Rückkehr – Edmund de Waal im KHM Wien

Zehn Jahre nach seiner gefeierten Ausstellung „During the Night“ kehrte der weltberühmte Keramiker und Autor Edmund de Waal („Der Hase mit den Bernsteinaugen“) für einen besonderen Abend in das Kunsthistorische Museum Wien zurück. In seinem Vortrag reflektierte er über kreative Formen der Restitution, die Zerbrechlichkeit der Erinnerung und das Gefühl des Ankommens.

Der Abend stand ganz im Zeichen der persönlichen und kollektiven Geschichte. Edmund de Waal, der erst kürzlich die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen hat, sprach vor ausverkauftem Haus über seine tiefe Verbindung zu Wien – einer Stadt, die für seine Familie einst Heimat war und 1938 zum Ort des Verlusts wurde.

Restitution jenseits von Objekten

Für de Waal ist Restitution weit mehr als die Rückgabe geraubter Kunstwerke. Es ist ein kreativer Akt des Zeugnisablegens. Sein Bestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ war für ihn selbst eine Form der Restitution: Er brachte die Geschichte der Familie Ephrussi zurück nach Wien und gab ihr eine Stimme in einer Stadt, die sie einst verstoßen hatte.

Die Bibliothek im Exil

Ein zentrales Thema des Vortrags war sein Projekt „Library of Exile“, das unter anderem in Venedig und Dresden zu sehen war. De Waal schuf einen Pavillon aus weißem Porzellan, in dem 2.000 Bücher von Autoren im Exil versammelt waren. In die Außenwände gravierte er die Namen zerstörter Bibliotheken von Alexandria bis Mossul.

  • Ein lebendiges Mahnmal: Das Projekt endete damit, dass die Bücher nach Mossul gespendet wurden, um die dort vom IS zerstörte Bibliothek wieder aufzubauen.

Schatten und Fragmente

De Waal sprach zudem über seine künstlerische Praxis mit Porzellan – einem Material, das er als „migratorisch“ bezeichnet. In seinen Interventionen, wie etwa im Museé Nissim de Camondo in Paris, arbeitet er oft in den Schatten und Nischen, um die Besucher zum Innehalten und Verlangsamen zu zwingen. Besonders eindrucksvoll waren seine Ausführungen zu Kintsugi, der japanischen Kunst der Reparatur mit Gold. Für ihn ist Kintsugi keine bloße Instandsetzung, sondern ein Sichtbarmachen von Verlust und Geschichte. Er nutzt diese Technik, um Fragmente von Meißner Porzellan aus ehemals jüdischen Sammlungen neu zu kontextualisieren.

Fazit: Grenzgänger und Identität

Zum Abschluss las de Waal aus seinem neuen Buch über die Familie Camondo und teilte persönliche Gedanken über seine eigene Identität. Er sieht sich selbst als „Mischling“ – halb englisch, Viertel niederländisch, Viertel österreichisch. Seine Botschaft an das Publikum war klar und hoffnungsvoll: Man kann Grenzen überschreiten und trotzdem eine ganze, integre Person bleiben.

Der Vortrag endete mit einem emotionalen Bekenntnis zu seiner neuen (alten) Heimat Österreich und seinem frisch erworbenen Pass.

Mehr unter: khm.at

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