Ein Bild, drei Namen, viele Wege: Die rätselhafte Herkunft eines Hertling-Gemäldes

Ein lichtdurchfluteter Frühling, Benediktinerinnen bei der Wäschepflege vor alten Ruinen – das Landschaftsgemälde von Wilhelm Jakob Hertling ist ein besonderes Stück im Altenburger Lindenau-Museum. Doch wie kam das Werk eines Malers, der vornehmlich in Süddeutschland tätig war, in ein mitteldeutsches Museum? Die Provenienzforschung offenbart eine Geschichte voller familiärer Verflechtungen und noch ungelöster Rätsel.

Das im September 1955 vom damaligen Museumsdirektor Hans Conon von der Gabelentz erworbene Werk besticht durch seinen studienhaften Charakter, der typisch für die Freilichtmalerei der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist. Während Hertlings Werke sonst vor allem in bayerischen Sammlungen wie der Neuen Pinakothek zu finden sind, stellt dieses Gemälde in Altenburg ein Unikum dar.

Eine Rechnung als Gleichung mit drei Unbekannten

Die Spur der Herkunft führt zu einer Rechnung über 800 DM der DDR, ausgestellt auf Johanna Reidemeister aus Altenburg. Ein handschriftlicher Vermerk auf dem Dokument nennt zudem einen Vermittler, Dr. Herbert Marwitz aus Würzburg, und verweist auf einen Nachlass bei einer Frau Markgraf in Leipzig.

Dank intensiver Archivarbeit konnten zwei dieser Namen nun identifiziert werden:

  • Die Verkäuferin (Johanna Reidemeister): Geboren 1879 in Altenburg, kehrte sie nach dem frühen Tod ihres Mannes im Ersten Weltkrieg mit ihrer Tochter Ina in ihre Heimatstadt zurück.
  • Der Vermittler (Herbert Marwitz): Der Berliner Archäologe war zum Zeitpunkt des Verkaufs am archäologischen Seminar in Würzburg tätig. Die Verbindung nach Altenburg war rein privater Natur: Marwitz war der Schwiegersohn von Johanna Reidemeister und mit ihrer Tochter Ina verheiratet.

Das Rätsel um Frau Markgraf

Trotz der Aufklärung der familiären Hintergründe bleibt ein entscheidendes Puzzleteil verborgen. Wer war die Leipzigerin Frau Markgraf, aus deren Nachlass das Bild ursprünglich stammen soll? Da im Leipziger Adressbuch über 50 Einträge zu diesem Namen existieren und Ehefrauen damals oft nicht eigenständig aufgeführt wurden, konnte ihre Identität und ihre Beziehung zu den Beteiligten bisher nicht geklärt werden.

Ein Herz für den Naturalismus

Dass das Bild überhaupt den Weg in die Sammlung fand, ist dem Kunstgeschmack von Gabelentz zu verdanken. Er war ein großer Bewunderer des Naturalismus und sah in Hertlings naturalistischer Wiedergabe der Landschaft eine bedeutende Bereicherung für das Museum. Hertling verstand die menschliche Figur – wie hier die Nonnen – lediglich als „Staffage“. Sein wahres Interesse galt dem unmittelbaren, nicht idealisierten Blick auf die Natur.

Die Reise des Bildes endete vorerst in Altenburg, doch die Forschung geht weiter, um auch die letzte Unbekannte in der Geschichte dieses „Frühlings auf Leinwand“ zu finden.

Mehr unter: lindenau-museum.de

Eine Frau steht im Museum. Die Tafeln im Hintergrund sind unscharf. Auf dem Bild steht: Barrierefrei kommunizieren im Museum mit Leichten Bildern. Expertenwissen kompakt. Workshop am 23. Septemner 9 - 11 Uhr
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