Die Ordnung der Freiheit: Richard Paul Lohse im Museum Haus Konstruktiv

Richard Paul Lohse war nicht nur ein Pionier der konstruktiv-konkreten Kunst, sondern auch ein politischer Visionär. Das Museum Haus Konstruktiv widmet dem Zürcher Meister nun eine lang ersehnte Einzelschau, die zeigt, wie Lohse mathematische Präzision mit demokratischen Idealen verband.

Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln: Richard Paul Lohse (1902–1988) war dem Museum Haus Konstruktiv seit dessen Gründung eng verbunden. Über 20 Jahre nach der letzten großen Retrospektive beleuchtet das Museum nun erneut das Werk dieses außergewöhnlichen Künstlers, dessen Weg alles andere als vorgezeichnet war.

Vom Packer zum Grafik-Pionier

Lohses Kindheit war von finanzieller Not geprägt. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste er sich mit Gelegenheitsarbeiten als Packer oder Zeitungsverkäufer über Wasser halten. Den Wendepunkt markierte eine Lehre als Reklamezeichner, die ihn schließlich 1930 in die Selbstständigkeit als Grafiker führte. Sein Atelier im Zürcher „Z-Haus“ wurde schnell zum Treffpunkt für engagierte Kunstschaffende und Exilanten.

Kunst als Spiegel der Gesellschaft

Lohse war zeitlebens politisch aktiv, unterstützte Flüchtlinge und engagierte sich in der antifaschistischen Bewegung. Diese Haltung der sozialen Gleichheit floss direkt in seine Kunst ein:

  • Farbmengegleichheit: In seinen Werken sind alle Farben gleichwertig verteilt. Es gibt keine Hierarchie im Bild – jede Farbe kommt in einer Reihe nur einmal vor.
  • Demokratisches Prinzip: Für Lohse spiegelte diese Ordnung eine ideale Gesellschaft wider, in der alle Menschen gleichwertig sein sollten.

Modulare und serielle Systeme

Lohses künstlerische Entwicklung führte ihn weg von der Diagonale hin zur Vertikalen, die ihm „moralischen Halt“ gab. Er entwickelte komplexe Systeme:

  • Modulare Ordnungen: Ein Grundelement wird systematisch verändert, gedreht oder wiederholt.
  • Serielle Ordnungen: Chromatische Reihen mit bis zu 30 Stufen erzeugen durch ihre Versetzung eine hochdynamische Wirkung.

Ein besonderes Merkmal ist die Doppeldatierung seiner Werke. Die erste Zahl nennt das Jahr der konzeptionellen Idee (oft Skizzen und Diagramme), die zweite das Jahr der tatsächlichen Ausführung, die oft erst Jahrzehnte später erfolgte.

Monumentalwerk für die Documenta

Ein Highlight der Ausstellung sind die fast sechs Meter langen Werke „Serielles Reihen-Thema in 18 Farben“, die Lohse eigens für die Documenta 7 (1982) konzipierte. Diese ungewöhnlich großformatigen Arbeiten zeigen die volle Dynamik seiner Farbsysteme und beeindruckten sogar Minimal-Art-Größen wie Donald Judd.

Richard Paul Lohse wird heute als Vorreiter der Konzeptkunst, der Minimal Art und sogar der Computerkunst rezipiert. Seine Kunst lädt dazu ein, die Welt durch die Linse von Ordnung und Gleichberechtigung neu zu entdecken.

Mehr unter: https://www.hauskonstruktiv.ch

Museumskalender

Bild mit der Aufschrift "Museumsnachrichten". Link zu den Nachrichtentexten auf museumsfernsehen.de

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