„Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen.“ Mit dieser radikalen Ehrlichkeit begründete Kurt Schwitters (1887–1948) sein Lebenswerk. Das Zentrum Paul Klee in Bern widmet dem großen Individualisten der Avantgarde nun die erste umfassende Schweizer Schau seit über 20 Jahren: „Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde“.
Die Ausstellung, die im Frühjahr 2026 zu sehen ist, zeigt Schwitters nicht nur als Dadaisten, sondern als visionären Erneuerer, der die Grenzen zwischen Kunst, Architektur, Typografie und Literatur einriss.
Das Prinzip „Merz“: Recycling als geistige Wertschöpfung
Mitten im Chaos nach dem Ersten Weltkrieg erfand Schwitters seine eigene Kunstform: Merz. Er sammelte den Abfall der Zivilisation – Fahrkarten, Zeitungsschnipsel, Draht und Holzreste – und „nagelte“ daraus eine neue, harmonische Ordnung zusammen.
- Die Collage als Weltbild: Für Schwitters lag der Wert eines Werks nicht im edlen Material, sondern in der geistigen Fähigkeit, aus Müll Schönheit zu erschaffen.
- Der Merzbau: Ein absolutes Highlight der Ausstellung ist der immersive Nachbau des legendären Hannoveraner Merzbaus. Diese begehbare Skulptur gilt als einer der ersten Vorläufer der modernen Installationskunst.
Der Grenzgänger: Zwischen Dada und Design
Obwohl Schwitters mit Größen wie Hans Arp oder El Lissitzky vernetzt war, blieb er zeitlebens ein Einzelgänger mit bürgerlicher Fassade, der es liebte, sowohl das Publikum als auch seine revolutionären Künstlerkollegen zu provozieren.
- Typografie-Pionier: Schwitters prägte das moderne Grafikdesign und die Werbegestaltung massiv – ein Erbe, das bis heute im Schweizer Grafikstil nachwirkt.
- Literat und Performer: Berühmt für sein Gedicht An Anna Blume, schuf er mit der Ursonate ein epochales Lautgedicht.
Live-Tipp: Die Ursonate wird als Performance am 18. April (14:00 Uhr) und 19. April 2026 (11:00 Uhr) vom Musiker Michael Schmid im Zentrum Paul Klee aufgeführt.
Exil und die Stille der Landschaft
Ein bisher wenig beachteter Aspekt der Ausstellung sind die Jahre im Exil. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten 1937 lebte Schwitters in Norwegen und später in England.
- Zwei Gesichter der Kunst: Während er privat an seinen abstrakten Merz-Projekten festhielt, sicherte er sich im Exil sein Überleben durch beeindruckende, fast klassische Porträts und Landschaften.
- Unbeirrbar: Trotz Internierung und Armut arbeitete er bis zu seinem Tod an neuen Merzbauten im Lake District.
Ein Erlebnis für alle Sinne
Die Schau bietet mehr als reines Betrachten:
- Immersiver Merzbau: Tauchen Sie direkt in die Raumkunst von Schwitters ein.
- Interaktives Atelier: Im Collage-Atelier können Besucher nach Schwitters-Vorbild selbst zu Schere und Kleber greifen.
- Typografischer Dialog: Studierende der ZHdK interpretieren An Anna Blume neu und schlagen so die Brücke in das Grafikdesign von heute.
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