Im Rahmen der Langen Nacht der Museen 2026 in Graz stand im KULTUM Graz ein Thema im Mittelpunkt, das bis heute kontrovers diskutiert wird: der Umgang der Bibel mit Gewalt und Sexualität. Die renommierte Alttestamentlerin Univ.-Prof.in Dr. Dr. h.c. Irmtraud Fischer sprach mit Dr. Johannes Rauchenberger, Leiter des KULTUM Graz, über Darstellungen von Gewalt und Sexualität in den Schriften des Alten Testaments. Dabei ging es nicht nur um die Inhalte biblischer Erzählungen, sondern auch um die Frage, wie diese Texte aus heutiger Perspektive gelesen und verstanden werden können.
Biblische Texte als Zeugnisse von Gewalterfahrungen
Ein Schwerpunkt des Gesprächs lag auf der Frage, wie Menschen in biblischen Texten mit Erfahrungen von Gewalt umgehen. Fischer richtete den Blick dabei auf die lange Geschichte der Traumabewältigung und darauf, wie Gewalterfahrungen über Generationen hinweg in Erzählungen und Überlieferungen ihren Ausdruck finden. Die biblischen Schriften verschweigen dabei vielfach weder Gewalt noch Sexualität. Gerade diese Offenheit eröffnet für Fischer die Möglichkeit, die Texte auch als Zeugnisse menschlicher Erfahrungen zu lesen – einschließlich ihrer Widersprüche und Abgründe.
Die Opfer im Mittelpunkt
Eine zentrale Perspektive des Gesprächs war die Anwaltschaft für die Opfer. Statt Gewalt lediglich als Bestandteil großer religiöser oder historischer Erzählungen zu betrachten, ging es darum, die Erfahrungen der Betroffenen sichtbar zu machen. Damit verbindet sich auch eine feministische Lesart der Bibel. Sie fragt danach, welche Stimmen in den Texten gehört werden, welche Perspektiven fehlen und wie Frauen und andere Opfer von Gewalt in den biblischen Geschichten dargestellt werden.
Ein Plädoyer gegen Antisemitismus
Unüberhörbar war im Gespräch zudem Fischers Plädoyer gegen Antisemitismus. Gerade die Auseinandersetzung mit den biblischen Schriften verlangt aus ihrer Sicht einen differenzierten Blick auf ihre jüdischen Ursprünge und Überlieferungstraditionen. Die Beschäftigung mit dem Alten Testament kann deshalb nicht losgelöst von seiner jüdischen Geschichte und Gegenwart erfolgen. Eine kritische Auseinandersetzung mit biblischen Gewalttexten bedeutet zugleich, vereinfachenden und antisemitischen Deutungsmustern entgegenzutreten.
36 Bilder von Eilfried Huth als Ausgangspunkt
Anlass für das Gespräch waren 36 Bilder des renommierten Architekten Eilfried Huth, die in der Ausstellung „Gott hat kein Museum #02“ im KULTUM Graz zu sehen sind. Die Veranstaltung verband damit theologische Reflexion und zeitgenössische Kunst. Die Arbeiten Huths bildeten den visuellen Ausgangspunkt für ein Gespräch, das weit über eine klassische Bibelauslegung hinausging.
Eine aktuelle Auseinandersetzung mit der Bibel
Das Gespräch zwischen Irmtraud Fischer und Johannes Rauchenberger machte deutlich, wie aktuell die Auseinandersetzung mit biblischen Texten sein kann. Gewalt, Sexualität, Opfererfahrungen, Geschlechterrollen und Antisemitismus sind nicht nur historische Themen, sondern berühren auch gesellschaftliche Debatten der Gegenwart. Die feministische Bibelauslegung eröffnet dabei neue Perspektiven auf bekannte Texte – und lenkt den Blick auf diejenigen Stimmen, die in traditionellen Interpretationen häufig überhört wurden.
Film und Produktion: David Immanuel Rauchenberger
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