Mona Hatoum im Kunst Museum Winterthur: „Auf den Wegen der Dissonanz“ zeigt Kunst zwischen Bedrohung und Verletzlichkeit

Wie sicher ist das eigene Zuhause? Und wie verändern Erfahrungen von Fremdsein, Entwurzelung und gesellschaftlichen Konflikten den Blick auf vertraute Dinge? Mit der Ausstellung „Mona Hatoum – Auf den Wegen der Dissonanz“ widmet das Kunst Museum Winterthur einer international bedeutenden Gegenwartskünstlerin eine Einzelausstellung. Die Präsentation untersucht, wie Mona Hatoum alltägliche Gegenstände, geometrische Formen und fragile Materialien in Bilder von Unsicherheit, Verletzlichkeit und politischer Spannung verwandelt. Kuratiert wird die Ausstellung von Konrad Bitterli.

Mona Hatoum: Kunst zwischen persönlicher Erfahrung und politischer Realität

Die 1952 in Beirut geborene Künstlerin Mona Hatoum zählt zu den prägenden Positionen der internationalen Gegenwartskunst. Als Tochter einer palästinensischen Familie wuchs sie im Libanon auf. Während eines Aufenthalts in London im Jahr 1975 brach der libanesische Bürgerkrieg aus, sodass sie nicht in ihre Heimat zurückkehren konnte. London wurde in der Folge zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt.

Erfahrungen von Entwurzelung, Fremdsein und Unsicherheit spielen seither eine wichtige Rolle in ihrem künstlerischen Schaffen. Hatoums Arbeiten greifen diese Themen jedoch nicht ausschließlich autobiografisch auf. Sie beschäftigen sich auch mit allgemeineren Fragen nach gesellschaftlicher Macht, politischer Gewalt und der Verletzlichkeit des Menschen. Die Ausstellung im Kunst Museum Winterthur bietet einen vertieften Einblick in diese künstlerische Auseinandersetzung.

Der Körper als Ausgangspunkt: Mona Hatoums Performances der 1980er-Jahre

Zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn setzte sich Mona Hatoum intensiv mit dem menschlichen Körper auseinander. In den 1980er-Jahren entwickelte sie Performances und Videoarbeiten, in denen körperliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen und politischen Fragen verbunden wurden. Der Körper wurde dabei zum Ausdrucksmittel für Verletzlichkeit, Ausgrenzung und Machtverhältnisse. Hatoum untersuchte, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und welche Rolle körperliche Grenzen, Abhängigkeiten und persönliche Erfahrungen dabei spielen. Ihre frühen Arbeiten konfrontierten das Publikum häufig mit ungewohnten oder verstörenden Situationen. Diese Auseinandersetzung mit dem Körper blieb auch in späteren Werkphasen von Bedeutung, obwohl Hatoum zunehmend andere Materialien und Ausdrucksformen verwendete.

Skulpturen und Installationen: Wenn vertraute Gegenstände bedrohlich werden

Seit den 1990er-Jahren stehen Skulpturen und raumgreifende Installationen im Mittelpunkt von Hatoums Werk. Besonders charakteristisch ist ihre Verwendung alltäglicher Gegenstände. Möbel, Haushaltsobjekte und vertraute Materialien erscheinen auf den ersten Blick gewöhnlich. Bei genauerer Betrachtung verlieren sie jedoch ihre ursprüngliche Funktion oder entwickeln eine bedrohliche Wirkung. Ein Gegenstand, der normalerweise Sicherheit und Behaglichkeit vermittelt, kann plötzlich instabil, gefährlich oder unzugänglich erscheinen. Hatoum nutzt diesen Gegensatz, um grundlegende menschliche Erfahrungen sichtbar zu machen. Das eigene Zuhause wird dabei zum Sinnbild einer Sicherheit, die jederzeit verloren gehen kann.

Minimal Art trifft auf politische und existenzielle Fragen

Formal erinnern viele Arbeiten Mona Hatoums an die Minimal Art. Klare geometrische Formen, reduzierte Gestaltung und die bewusste Verwendung von Materialien prägen ihre Skulpturen und Installationen. Anders als bei einer rein formal ausgerichteten Betrachtung minimalistischer Kunst stehen bei Hatoum jedoch gesellschaftliche und persönliche Bedeutungen im Vordergrund. Ihre Werke verweisen auf politische Konflikte, Machtstrukturen und die Verletzlichkeit des menschlichen Lebens. Strenge Formen treffen auf zerbrechliche Materialien, scheinbare Ordnung auf Unsicherheit. Die daraus entstehenden Gegensätze bilden einen wesentlichen Bestandteil ihrer künstlerischen Sprache. Hatoum erweitert damit die Möglichkeiten minimalistischer Gestaltung um emotionale, politische und existenzielle Dimensionen.

Verletzlichkeit und Entfremdung als zentrale Themen

Ein wiederkehrendes Motiv in Hatoums Werk ist der Verlust von Vertrautheit. Gegenstände, Räume und Materialien, die normalerweise Orientierung bieten, erscheinen verändert oder fremd. Dadurch entstehen Situationen, in denen das Publikum die eigene Wahrnehmung hinterfragen muss. Die Arbeiten lassen sich als Auseinandersetzung mit Erfahrungen von Migration, politischer Unsicherheit und gesellschaftlicher Ausgrenzung verstehen. Gleichzeitig sprechen sie grundlegende menschliche Gefühle an: Angst, Schutzbedürfnis, Unsicherheit und den Wunsch nach Zugehörigkeit. Hatoum vermeidet dabei häufig eindeutige Aussagen. Stattdessen schafft sie vieldeutige Werke, die unterschiedliche Interpretationen ermöglichen.

Internationale Anerkennung: Von Paris und London bis Winterthur

Mona Hatoum ist seit Jahrzehnten in bedeutenden internationalen Museen vertreten. Zu ihren großen Ausstellungen zählen eine Retrospektive im Centre Pompidou in Paris im Jahr 2015 und eine umfangreiche Präsentation in der Tate Modern im Jahr 2016. Für ihr künstlerisches Schaffen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Dazu gehören der Roswitha Haftmann-Preis 2004, der Käthe-Kollwitz-Preis 2010, der Joan-Miró-Preis 2011 und der japanische Praemium Imperiale 2019. Die Auszeichnungen dokumentieren die internationale Bedeutung einer Künstlerin, deren Werk die Entwicklung der zeitgenössischen Skulptur, Installation und Performancekunst wesentlich mitgeprägt hat.

Kunst Museum Winterthur vertieft die Auseinandersetzung mit Mona Hatoum

Das Kunst Museum Winterthur hat bereits in früheren thematischen Ausstellungen Arbeiten von Mona Hatoum präsentiert. Dabei standen unter anderem ihre Beiträge zur zeitgenössischen Skulptur und Videokunst im Mittelpunkt. Mit der Einzelausstellung „Auf den Wegen der Dissonanz“ widmet das Museum der Künstlerin nun eine umfassendere Präsentation. Kurator Konrad Bitterli richtet den Blick auf die Verbindung von formaler Klarheit und inhaltlicher Mehrdeutigkeit. Die Ausstellung zeigt, wie Hatoum aus einfachen Materialien und alltäglichen Gegenständen komplexe Bilder gesellschaftlicher und individueller Unsicherheit entwickelt.

„Auf den Wegen der Dissonanz“: Kunst, die Gewissheiten infrage stellt

Der Ausstellungstitel verweist auf ein wesentliches Merkmal von Mona Hatoums Werk: die Spannung zwischen widersprüchlichen Eindrücken. Vertraute Gegenstände werden fremd, stabile Formen erscheinen zerbrechlich und scheinbar sichere Räume verwandeln sich in Orte möglicher Gefahr. Diese Dissonanzen sind nicht nur gestalterische Mittel. Sie machen erfahrbar, wie unsicher gesellschaftliche Ordnungen und persönliche Lebensverhältnisse sein können. Die Ausstellung im Kunst Museum Winterthur lädt dazu ein, Hatoums Arbeiten aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und ihre Verbindung zu aktuellen Fragen nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Verletzlichkeit zu untersuchen.

Der begleitende Videobeitrag vermittelt Einblicke in das Werk einer Künstlerin, die ästhetische Reduktion mit gesellschaftlicher und politischer Aussagekraft verbindet.

Produktion: arttv.ch

Mehr unter: www.kmw.ch/

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