Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet: Kunstmuseum Basel würdigt die Sammlerin Gertrud Dübi-Müller

Sie sammelte Werke von Vincent van Gogh, Gustav Klimt und Ferdinand Hodler, fotografierte befreundete Kunstschaffende, reiste mit dem eigenen Cabriolet durch Europa und bestieg das Matterhorn: Gertrud Dübi-Müller (1888–1980) gehörte zu den bedeutendsten Kunstsammlerinnen der Schweiz. Mit der Ausstellung „Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet. Die Sammlerin und Pionierin Gertrud Dübi-Müller“ widmet das Kunstmuseum Basel der außergewöhnlichen Solothurnerin erstmals eine umfassende Retrospektive. Rund 80 Kunstwerke, Fotografien und bislang unveröffentlichte Dokumente geben Einblick in ihr Leben und ihren Einfluss auf die europäische Moderne.

Gertrud Dübi-Müller: Eine Pionierin der Schweizer Kunstgeschichte

Gertrud Dübi-Müller führte ein Leben, das für Frauen ihrer Generation ungewöhnlich selbstbestimmt war. Die 1888 in Solothurn geborene Kunstsammlerin war nicht nur eine wichtige Förderin moderner Kunst, sondern auch begeisterte Fotografin, Autofahrerin und Bergsteigerin. Schon früh kam sie mit der Kunstwelt in Berührung. Der Schweizer Maler Cuno Amiet (1868–1961) unterrichtete sie im Malen und eröffnete ihr den Zugang zu künstlerischen Kreisen.

Nach dem frühen Tod ihrer Eltern war Dübi-Müller bereits in jungen Jahren finanziell unabhängig. Diese Freiheit nutzte sie, um eine bedeutende Sammlung moderner Kunst aufzubauen und enge Kontakte zu Kunstschaffenden in der Schweiz und im europäischen Ausland zu pflegen. Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel stellt nun erstmals ihre unterschiedlichen Rollen als Sammlerin, Mäzenin, Fotografin und eigenständige Persönlichkeit in einen größeren kunsthistorischen Zusammenhang.

Von Vincent van Gogh bis Gustav Klimt: Eine bedeutende Sammlung der Moderne

Eine der frühesten und bemerkenswertesten Erwerbungen Dübi-Müllers war Vincent van Goghs Gemälde Porträt Charles-Elzéard Trabuc aus dem Jahr 1889. Sie kaufte das Werk, als sie selbst kaum volljährig war. In den folgenden Jahrzehnten entstand eine außergewöhnliche Sammlung mit Arbeiten bedeutender Vertreter der europäischen Moderne.

Dazu gehörten Werke von Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Gustav Klimt und Henri Matisse ebenso wie Gemälde von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern, darunter Cuno Amiet, Alice Bailly, Giovanni Giacometti und Ferdinand Hodler. Dübi-Müller beschränkte sich dabei nicht auf den Erwerb von Kunstwerken. Sie pflegte persönliche Beziehungen zu zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern und wurde zu einer wichtigen Figur innerhalb ihres kulturellen Netzwerks. Die Basler Ausstellung zeigt rund 80 Werke aus ihrer einstigen Sammlung und macht deutlich, wie international ihre Interessen und Kontakte ausgerichtet waren.

Ferdinand Hodler und Gertrud Dübi-Müller: Eine besondere Künstlerfreundschaft

Eine besonders enge Verbindung bestand zwischen Dübi-Müller und dem Schweizer Maler Ferdinand Hodler (1853–1918). Der Künstler porträtierte sie insgesamt 17 Mal. Darüber hinaus stand sie Modell für sein monumentales Gemälde Blick ins Unendliche, das zwischen 1913/14 und 1916 entstand und sich heute in der Sammlung des Kunstmuseums Basel befindet.

Auch der persönliche Briefwechsel dokumentiert das vertraute Verhältnis zwischen dem Maler und seiner Sammlerin. In einem Schreiben warnte Hodler die unternehmungslustige Dübi-Müller vor allzu schnellem Autofahren. Er empfahl ihr, lieber langsam in Paris anzukommen, als unterwegs das Leben zu riskieren. Solche Korrespondenzen geben Einblick in eine Freundschaft, die über die übliche Beziehung zwischen Künstler und Käuferin hinausging. Neben Hodler gehörten auch Alice Bailly und Giovanni Giacometti zu den Kunstschaffenden, mit denen Dübi-Müller persönlich verbunden war.

Mit dem Cabriolet durch Europa: Reisen, Fotografie und Abenteuer

Gertrud Dübi-Müllers Unabhängigkeit zeigte sich nicht nur in ihrem Engagement für die Kunst. Mit einem Cabriolet der Schweizer Automarke Piccard-Pictet, das als vermutlich erstes Automobil im Kanton Solothurn gilt, unternahm sie zahlreiche Reisen. Ihre Fahrten führten sie unter anderem nach Berlin, Paris, Rom und Wien sowie in die Schweizer Alpen.

Für eine Frau ihrer Zeit waren solche Unternehmungen keineswegs selbstverständlich. Dübi-Müller interessierte sich zudem für neue technische Möglichkeiten. Sie unternahm Zeppelinflüge und bereiste neben verschiedenen europäischen Ländern auch Nordafrika. Ihre Begeisterung für das Bergsteigen führte sie auf anspruchsvolle alpine Touren, darunter eine Besteigung des Matterhorns. Diese unterschiedlichen Interessen spiegeln eine Persönlichkeit wider, die sich gesellschaftlichen Erwartungen nicht ohne Weiteres unterordnete und ihre Möglichkeiten zur selbstständigen Lebensgestaltung konsequent nutzte.

Gertrud Dübi-Müller als Fotografin: Persönliche Einblicke in die Kunstwelt

Ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung ist Dübi-Müllers fotografisches Werk. Mit ihrer Kamera hielt sie das Leben befreundeter Künstlerinnen und Künstler ebenso fest wie ihre eigenen Reisen, Unternehmungen und Begegnungen. Die Fotografien sind heute wertvolle historische Zeugnisse. Sie dokumentieren nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern auch das gesellschaftliche und kulturelle Umfeld der frühen Moderne.

Ergänzt werden die Aufnahmen durch bislang unveröffentlichte Briefe, handbemalte Postkarten und weitere Dokumente aus ihrem persönlichen Netzwerk. Damit zeigt die Ausstellung Dübi-Müller nicht ausschließlich als Besitzerin bedeutender Gemälde, sondern als aktive Teilnehmerin des europäischen Kunstlebens. Die fotografischen Bestände stammen unter anderem aus dem Nachlass, der von der Fotostiftung Schweiz in Winterthur verwaltet wird.

Eine Ausstellung, die bereits vor 100 Jahren geplant war

Die Idee, die Sammlung von Gertrud Dübi-Müller in Basel zu präsentieren, reicht weit zurück. Bereits Wilhelm Barth, der von 1909 bis 1934 die Kunsthalle Basel leitete, bemühte sich um eine Ausstellung mit Werken aus den Sammlungen von Gertrud Dübi-Müller und ihrem Bruder Josef Müller (1887–1977).

Trotz mehrfacher Anfragen kam das Vorhaben damals nicht zustande. Rund ein Jahrhundert später greift das Kunstmuseum Basel diese Idee auf und würdigt mit der ersten umfassenden Ausstellung die Bedeutung Dübi-Müllers für die Schweizer und internationale Kunstgeschichte. Die Präsentation verbindet herausragende Gemälde der Moderne mit biografischen Dokumenten und beleuchtet damit eine Sammlerin, deren Beitrag zur Kunstgeschichte bislang weniger bekannt war als die Werke der von ihr geförderten Künstler.

Dübi-Müller-Stiftung: Das künstlerische Erbe in Solothurn

Auch über ihren Tod hinaus blieb Gertrud Dübi-Müllers Sammlung für die Öffentlichkeit erhalten. Gemeinsam mit ihrem Ehemann gründete sie 1964 die Dübi-Müller-Stiftung. Ihr Ziel war es, den damaligen Sammlungsbestand mit 190 Werken langfristig zu bewahren und öffentlich zugänglich zu machen. Ihr Bruder Josef Müller gründete 1969 eine eigene Stiftung, die 55 Kunstwerke umfasste.

Beide Stiftungen wurden in das Kunstmuseum Solothurn integriert. Das Museum bewahrt bis heute einen wesentlichen Teil des künstlerischen Erbes der Familie. Die Basler Ausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Solothurn. Hinzu kommen Leihgaben aus weiteren Schweizer Museen, privaten Sammlungen und der Fotostiftung Schweiz. Mit der Verbindung von Kunstwerken, Fotografien und persönlichen Dokumenten entsteht ein vielschichtiges Porträt einer Frau, die das Sammeln moderner Kunst mit außergewöhnlicher Neugier, Mobilität und kulturellem Engagement verband.

Mehr unter: kunstmuseumbasel.ch

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