Wie der menschliche Körper die abstrakte Kunst prägt. “The Body Within Abstraction” im Museum Haus Konstruktiv

In der konstruktiv-konkreten Kunst wurde der menschliche Körper lange Zeit weitgehend ausgeblendet. Im Mittelpunkt standen die autonomen bildnerischen Mittel Linie, Farbe und Fläche. Figürliche Darstellungen galten als illusionistisch und damit als Gegensatz zu einer Kunst, die sich auf ihre eigenen formalen Gesetzmäßigkeiten konzentriert.

Die Gruppenausstellung „The Body Within Abstraction“ im Museum Haus Konstruktiv hinterfragt diese traditionelle Sichtweise mit acht international renommierten Künstler. Ihre Arbeiten zeigen, dass der Körper auch in minimalistisch reduzierter, nicht-figurativer Kunst eine zentrale Rolle spielen kann – als Maßeinheit, Erfahrung, Material und Ausgangspunkt künstlerischer Produktion.

Acht Positionen zwischen Körper und Abstraktion

Die Ausstellung versammelt Arbeiten von Heidi Bucher, Eva Fàbregas, Kimsooja, Dóra Maurer, Bruce Nauman, Steven Parrino, Chiharu Shiota und Franz West. Gemeinsam ist den unterschiedlichen Positionen die Frage, wie sich Körperlichkeit ausdrücken lässt, ohne den menschlichen Körper klassisch abzubilden. Stattdessen wird der Körper zum Instrument, mit dem Räume, Materialien und Formen erfahren werden.

Gleichzeitig markiert die Ausstellung eine Premiere für das Museum Haus Konstruktiv: Erstmals seit dem Umzug ins Löwenbräukunst-Areal werden sämtliche neuen Ausstellungsräume – Ost- und Westtrakt – gemeinsam bespielt. Mit „The Body Within Abstraction“ feiert das Museum zudem sein 40-jähriges Jubiläum.

Dóra Maurer: Den Körper vermessen

Ausgangspunkt der Ausstellung ist Dóra Maurers Filmarbeit Proportions von 1979 aus der Sammlung des Museums Haus Konstruktiv. Maurer untersucht darin systematisch die Proportionen ihres eigenen Körpers. Der menschliche Körper wird damit nicht als klassisches Motiv dargestellt, sondern dient als Maßstab und Ausgangspunkt einer abstrakten Untersuchung. Die Arbeit macht deutlich, wie eng geometrische Ordnung und körperliche Erfahrung miteinander verbunden sein können.

Bruce Nauman: Abstraktion wird körperlich

Besonders unmittelbar wird diese Idee in den Arbeiten von Bruce Nauman erfahrbar. Seine Arbeit Body Pressure von 1974 fordert die Besucher auf, den eigenen Körper gegen eine Wand zu drücken und dabei bewusst die Kontaktpunkte zwischen Körper und Oberfläche wahrzunehmen.

Skulptur wird hier nicht allein betrachtet, sondern körperlich erlebt. Das Kunstwerk entsteht in der Erfahrung und verändert sich mit jeder Person, die daran teilnimmt. Auch die Videoperformance Dance or Exercise on the Perimeter of a Square von 1967/68 verbindet geometrische Abstraktion mit körperlicher Anstrengung. Ein einfaches Quadrat wird zum Rahmen einer physischen Bewegung.

Heidi Bucher: Körper als tragbare Hülle

Heidi Buchers Bodyshells von 1972, in der Ausstellung als Repliken von 2024 zu sehen, bestehen aus Schaumstoff, der mit Perlmuttfarbe gestaltet wurde. Die voluminösen Objekte können als Körperhüllen getragen werden. Ursprünglich waren sie Teil einer gefilmten Performance in Venice Beach. Tastend und schwerfällig bewegten sich die an Meereswesen oder Science-Fiction-Kreaturen erinnernden Formen vom Pazifik auf den Strand zu.

Zur Eröffnung von „The Body Within Abstraction“ wird die Performance Bodyshells erstmals in der Schweiz gezeigt. Am 18. Dezember 2026 sollen sie im Rahmen des 40-jährigen Museumsjubiläums erneut in Bewegung gesetzt werden.

Steven Parrino: Körperliche Energie auf der Leinwand

Auch bei Steven Parrino wird Körperlichkeit zu einem entscheidenden Bestandteil des künstlerischen Prozesses. Der Künstler, der in den 1980er- und 1990er-Jahren neben seiner Tätigkeit als bildender Künstler auch Musiker der New Yorker Szene war, übertrug Rhythmus und physische Energie unmittelbar auf seine Leinwände.

In Push up – pull down – push up – pull down von 1987 wird die monochrome schwarze Leinwand gespannt, zerknittert und unter Druck gesetzt. Das Bild erscheint damit nicht länger als statische Fläche, sondern als Spur einer körperlichen Handlung, die bis an die Grenze der Zerstörung führt.

Franz West, Chiharu Shiota, Kimsooja und Eva Fàbregas

Weitere Arbeiten zeigen, wie unterschiedlich Körperlichkeit in abstrakter Kunst erscheinen kann. Franz Wests tragbare Passstücke beziehen den Körper unmittelbar in die künstlerische Erfahrung ein. Die Skulptur wird zu einem Objekt der Interaktion und verändert ihre Bedeutung durch die körperliche Begegnung.

Chiharu Shiotas raumgreifende Fadeninstallation Endless Connections macht Verbindungen, Bewegung und räumliche Wahrnehmung körperlich erfahrbar. Die textilen Bottari von Kimsooja greifen Fragen nach Körper, Material und Bewegung auf, während Eva Fàbregas mit ihren aus Latex gefertigten Exudates organisch wirkende Formen schafft, die zwischen Skulptur, Körper und abstrakter Form angesiedelt sind.

Abstrakte Kunst neu denken

„The Body Within Abstraction“ zeigt, dass Abstraktion keineswegs körperlos sein muss. Der Körper kann als Maßstab, Werkzeug, Material, Bewegung und Erfahrung in ein Kunstwerk eingehen, ohne selbst abgebildet zu werden.

Die Ausstellung eröffnet damit einen neuen Blick auf die Geschichte der konstruktiv-konkreten und minimalistischen Kunst. Sie fragt danach, wie körperliche Erfahrungen in abstrakten Formen sichtbar werden – und fordert zugleich dazu auf, die Grenzen zwischen Skulptur, Raum, Bewegung und eigener Wahrnehmung neu zu denken.

Mit acht unterschiedlichen künstlerischen Positionen verbindet das Museum Haus Konstruktiv historische Fragestellungen mit zeitgenössischen Perspektiven und feiert zugleich vier Jahrzehnte Museumsgeschichte.

Mehr unter: hauskonstruktiv.ch

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