Eine leere Schachtel erzählt von Flucht, Verlust und Erinnerung: In der Ausstellung „Heimatlos – Wiener Juden im Exil“ im Jüdischen Museum Wien steht ein unscheinbares Objekt für das Schicksal der 1939 mit einem Kindertransport nach England geretteten Lilli Bial. Ihre Eltern blieben in Wien zurück und wurden 1942 von den Nationalsozialisten ermordet. Ein Video aus dem Museum Judenplatz zeigt, wie die Geschichte einer Familie anhand weniger zurückgebliebener Gegenstände sichtbar wird.
„Heimatlos – Wiener Juden im Exil“ im Museum Judenplatz
Die Ausstellung „Heimatlos – Wiener Juden im Exil“ im Museum Judenplatz, einem der beiden Standorte des Jüdischen Museums Wien, beschäftigt sich mit den Erfahrungen jüdischer Menschen, die während der nationalsozialistischen Verfolgung ihre Heimat verlassen mussten.
Ein Ausstellungsraum erinnert mit einer Inszenierung aus Umzugskartons und verpackten Gegenständen an den Moment des Aufbruchs. Die Anordnung vermittelt den Eindruck, als würden die persönlichen Habseligkeiten ihrer Besitzerinnen und Besitzer auf den Abtransport warten.
Inmitten dieser Installation befindet sich eine unscheinbare Schachtel. Sie ist zunächst von einem weißen Stoff verdeckt. Erst wenn Besucherinnen und Besucher die Abdeckung anheben, wird das Objekt sichtbar.
Eine Frage begleitet die Präsentation: Können Dinge beim Erinnern helfen?
Lilli Bial: Mit dem Kindertransport 1939 aus Wien gerettet
Die Geschichte der Schachtel führt zurück ins Jahr 1939. Damals konnte die junge Lilli Bial Wien mit einem der letzten Kindertransporte nach Großbritannien verlassen und sich so vor der nationalsozialistischen Verfolgung retten. Ihre Eltern Franz und Anna Bial blieben in Wien zurück. 1942 wurden sie in das Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk deportiert und dort ermordet. Vor ihrer Deportation hatten die Eltern insgesamt drei Schachteln für ihre Tochter vorbereitet. Sie enthielten persönliche Gegenstände, die Lilli an ihre Kindheit und ihr früheres Leben in Wien erinnern sollten.
Doch die Schachteln erreichten die Tochter in England nie. Nicht einmal eine Empfängeradresse war auf den Verpackungen vermerkt. Wann genau die Eltern sie zusammenstellten und warum sie nicht verschickt wurden, ist bis heute ungeklärt. Die zurückgebliebenen Gegenstände wurden zu Zeugnissen einer gewaltsam getrennten Familie.
Drei Schachteln und eine jahrzehntelange Suche
1992 übergab die Israelitische Kultusgemeinde Wien dem Jüdischen Museum einen umfangreichen Objektbestand als Dauerleihgabe. Darunter befanden sich auch die drei Schachteln der Familie Bial. Erst Jahre später begann eine intensivere wissenschaftliche Beschäftigung mit den Gegenständen und ihrer Herkunft. Im Zuge der Recherchen gelang es schließlich, Lilli Bial ausfindig zu machen.
Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits eine ältere Frau. Zunächst wollte sie sich nicht erneut mit den Erinnerungen an ihre Kindheit und die Verfolgung ihrer Familie auseinandersetzen. Später entschied sie sich jedoch, die Schachteln anzusehen. Nur wenige der darin enthaltenen Gegenstände behielt sie. Die drei Schachteln überließ sie schließlich dem Jüdischen Museum Wien als Schenkung. Damit wurden die persönlichen Erinnerungsstücke ihrer Familie Teil der musealen Sammlung und der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte jüdischer Verfolgung und Vertreibung.
Warum das Museum eine leere Schachtel ausstellt
Besonders eindrücklich ist die Entscheidung, eine der Schachteln ohne Inhalt zu präsentieren. Während an einem anderen Standort des Jüdischen Museums Wien eine gefüllte Schachtel mit kleinen Alltagsgegenständen aus Lilli Bials Kindheit gezeigt wird, steht im Museum Judenplatz die Leere im Mittelpunkt.
Die Schachtel enthält keine Erinnerungsstücke mehr. Gerade dadurch wird sie zu einem Symbol für das, was durch Verfolgung, Flucht und Ermordung unwiederbringlich verloren gegangen ist. Die Ausstellung macht deutlich, dass historische Objekte nicht allein durch ihren materiellen Inhalt Bedeutung erhalten. Auch das Fehlen von Gegenständen kann eine Geschichte erzählen. Die leere Schachtel erinnert an die Trennung einer Familie, an nicht übermittelte Erinnerungen und an eine Kindheit, deren materielle Zeugnisse ihre ursprüngliche Besitzerin erst Jahrzehnte später erreichten.
Erinnern an Verlust: Die Bedeutung des weißen Stoffes
Eine weitere Besonderheit der Präsentation ist die Abdeckung der Schachtel mit einem weißen Stoff. Dieser dient zunächst dem konservatorischen Schutz des empfindlichen Objekts. Er soll die Schachtel vor Licht und schädlichen äußeren Einflüssen bewahren.
Im begleitenden Video erläutert eine Museumsmitarbeiterin, dass sie diese Präsentationsform anfangs kritisch betrachtete. Warum sollte ausgerechnet eine so bedeutende Schachtel verdeckt werden? Bei näherer Auseinandersetzung erkannte sie jedoch eine zusätzliche symbolische Bedeutung: Indem das Museum die leere Schachtel schützt, bewahrt es nicht nur einen historischen Gegenstand, sondern auch die Erinnerung an das Verlorene.
Die Inszenierung verweist damit auf eine grundlegende Herausforderung jüdischer Museen. Viele ihrer Sammlungsobjekte erzählen nicht nur von jüdischem Leben und kultureller Vielfalt, sondern auch von Vertreibung, zerstörten Familiengeschichten und unwiederbringlichen Verlusten.
Video aus dem Jüdischen Museum Wien erzählt die Geschichte von Lilli Bial
Das begleitende Video führt in die Ausstellung „Heimatlos – Wiener Juden im Exil“ und stellt die leere Schachtel von Lilli Bial als besonderes Erinnerungsobjekt vor. Die Museumsmitarbeiterin erläutert die Geschichte der Familie, die Herkunft der Schachteln und ihre spätere Aufnahme in die Sammlung. Zugleich vermittelt sie, wie intensiv die wissenschaftliche und pädagogische Arbeit mit einzelnen Objektbiografien sein kann.
Die Geschichte von Lilli Bial wird im Museum auch in Vermittlungsangeboten für Schulklassen, Erwachsene und andere Besuchergruppen aufgegriffen. Die Ausstellung wird durch digitale Angebote ergänzt. Eine App sowie eine kurze und eine längere Audiotour ermöglichen es, die Themen zu vertiefen. Die digitale Führung führt teilweise auch aus dem Museum hinaus zu historischen Orten im Wiener Stadtraum.
So verbindet „Heimatlos – Wiener Juden im Exil“ persönliche Lebensgeschichten mit der Geschichte der Stadt und zeigt, wie museale Objekte Erinnerungen an Menschen und Ereignisse bewahren können.
Mehr unter: www.jmw.at/






