Das Belvedere in Wien widmet der polnischen Künstlerin Erna Rosenstein (1913–2004) mit „Jenseits der Stille“ erstmals in Österreich eine umfassende Retrospektive. Rund 80 Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen, Assemblagen und Gedichte, geben Einblick in das vielschichtige Schaffen einer bedeutenden Vertreterin der polnischen Nachkriegsavantgarde. Die Ausstellung beleuchtet Rosensteins Auseinandersetzung mit der Shoah, persönlichen Verlusterfahrungen und politischen Umbrüchen sowie ihre künstlerische Unabhängigkeit.
Erna Rosenstein im Belvedere: Kunst zwischen Erinnerung und Widerstand
Die Ausstellung „Jenseits der Stille“ im Belvedere stellt eine Künstlerin vor, deren Werk über sechs Jahrzehnte hinweg von historischen Erfahrungen, gesellschaftlichen Konflikten und persönlichen Erinnerungen geprägt wurde. Erna Rosenstein entwickelte eine eigenständige Bildsprache, in der sich surrealistische Einflüsse mit expressiven und abstrakten Elementen verbinden. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Verfolgung, Gewalt, Verlust und Trauer, zugleich aber auch mit Widerstandskraft und der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten.
Die Retrospektive macht deutlich, wie eng Rosensteins künstlerische Entwicklung mit den politischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts verbunden war. Trotz ideologischer Einschränkungen und wiederholter Repressionen hielt sie an ihren künstlerischen Überzeugungen fest.
Von Wien nach Krakau: Die frühen Jahre der polnischen Avantgardekünstlerin
Erna Rosenstein wurde 1913 in Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine, geboren. Bereits während ihrer Schulzeit in Krakau engagierte sie sich in einer illegalen kommunistischen Jugendorganisation. Zwischen 1932 und 1934 studierte sie an der Wiener Frauenakademie. Während ihres Aufenthalts in Österreich erlebte sie die Februarkämpfe des Jahres 1934 unmittelbar mit. Anschließend setzte sie ihre künstlerische Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste in Krakau fort.
1938 besuchte Rosenstein in Paris die internationale Surrealismus-Ausstellung „Exposition internationale du surréalisme“. Die Begegnung mit dieser Kunstrichtung beeinflusste ihre spätere künstlerische Entwicklung nachhaltig. Aus ihrer Wiener Studienzeit sind keine Werke erhalten. Sie gingen verloren oder wurden während der nationalsozialistischen Besatzung Polens vernichtet.
Die Shoah und der Verlust ihrer Eltern als zentrale Themen
Der Zweite Weltkrieg markierte einen tiefgreifenden Einschnitt in Rosensteins Leben und künstlerische Entwicklung. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft war ihre Familie der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt. 1942 wurden ihre Eltern Anna und Maksymilian Rosenstein während der Flucht ermordet. Erna Rosenstein überlebte verletzt und verbrachte die verbleibenden Kriegsjahre im Untergrund, wobei sie mehrfach ihre Identität wechselte.
Die Ermordung ihrer Eltern wurde zu einem wiederkehrenden Thema ihres künstlerischen Schaffens. Über Jahrzehnte setzte sich Rosenstein mit dem Verlust, der Erinnerung an ihre Familie und den traumatischen Erfahrungen der Shoah auseinander. Nach Kriegsende entwickelte sie eine expressive Bildsprache, mit der sie nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern auch kollektive Gewalterfahrungen und Fragen gesellschaftlicher Mitverantwortung thematisierte.
Surrealismus und Abstraktion: Rosensteins eigenständige Bildsprache
In der stalinistischen Phase Polens zwischen 1948 und 1956 geriet Erna Rosenstein mit den offiziellen kulturpolitischen Vorgaben in Konflikt. Sie lehnte den staatlich verordneten sozialistischen Realismus ab und arbeitete weitgehend außerhalb des offiziellen Kunstbetriebs. Statt sich einer ideologisch vorgegebenen Darstellungsweise anzupassen, entwickelte sie ihre eigene, vom Surrealismus und persönlichen Erfahrungen geprägte Kunstauffassung weiter.
Ab den späten 1950er-Jahren entstanden zunehmend biomorphe und abstrakte Kompositionen. Organisch anmutende Formen, ungewöhnliche Bildräume und rätselhafte Figuren bestimmen viele ihrer Arbeiten. Trotz der zunehmenden Abstraktion blieb Rosenstein einer gegenständlichen beziehungsweise figürlichen Ausdrucksebene verbunden. Ihre Werke bewegen sich häufig zwischen erkennbaren Motiven und freien Formen, zwischen Erinnerung und Imagination.
Assemblagen und Gedichte: Die Poesie alltäglicher Gegenstände
Neben Gemälden und Zeichnungen nehmen Assemblagen einen wichtigen Platz in Rosensteins Werk ein. Für diese Arbeiten verwendete sie gefundene, gebrauchte oder weggeworfene Gegenstände, die sie zu ungewöhnlichen Kompositionen zusammenfügte. Aus scheinbar wertlosen Materialien entstanden poetische, mitunter ironische Kunstwerke. Alltägliche Objekte erhielten neue Bedeutungen und wurden zu Trägern persönlicher Geschichten und Assoziationen.
Auch die Sprache spielte eine wesentliche Rolle in ihrem Schaffen. Rosenstein war nicht nur bildende Künstlerin, sondern auch Dichterin. Ihre häufig rätselhaften und poetischen Werktitel erweitern die Bildinhalte um zusätzliche Bedeutungsebenen. Die Ausstellung im Belvedere berücksichtigt diese Verbindung von Wort und Bild und präsentiert neben den bildnerischen Arbeiten ausgewählte Gedichte der Künstlerin.
Politische Überzeugungen und künstlerische Unabhängigkeit
Erna Rosensteins Biografie war von einem Spannungsverhältnis zwischen politischer Überzeugung und künstlerischer Freiheit geprägt. 1945 trat sie der Polnischen Arbeiterpartei bei und blieb auch nach deren Umgestaltung zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei Mitglied. Obwohl sie die staatlich vorgeschriebene Kunstauffassung ablehnte und wiederholt Repressionen erlebte, hielt sie an ihrer politischen Zugehörigkeit fest.
Besonders einschneidend war die antisemitische Kampagne der kommunistischen Führung, die 1968 ihren Höhepunkt erreichte. Auch unter diesen Bedingungen entschied sich Rosenstein gegen ein Leben im Exil. Gleichzeitig etablierte sie sich als bedeutende Vertreterin der polnischen Nachkriegskunst. Als Gründungsmitglied der zweiten Krakauer Gruppe gehörte sie einem einflussreichen Künstlerkreis an, zu dem unter anderem Tadeusz Kantor, Maria Jarema und Tadeusz Brzozowski zählten. Ihre Werke wurden in wichtigen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Polen und bei internationalen Präsentationen polnischer Kunst gezeigt.
„Jenseits der Stille“: Rund 80 Werke im Belvedere Wien
Mit der Retrospektive „Erna Rosenstein: Jenseits der Stille“ rückt das Belvedere eine Künstlerin in den Mittelpunkt, deren Werk in Österreich bislang nur wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Die rund 80 ausgestellten Arbeiten veranschaulichen die Vielfalt ihres künstlerischen Schaffens. Sie zeigen, wie Rosenstein persönliche Erfahrungen und historische Ereignisse in eine eigenständige visuelle Sprache übersetzte.
Die Ausstellung zeichnet zugleich das Bild einer Künstlerin, die trotz Verfolgung, politischer Einschränkungen und gesellschaftlicher Umbrüche an ihrer künstlerischen Selbstbestimmung festhielt. Damit eröffnet die Retrospektive einen Zugang zur polnischen Nachkriegsavantgarde und zu den Verbindungen zwischen Kunst, Erinnerung und europäischer Geschichte.
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