
Am 9. September 2026 eröffnet die Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank im Rahmen der Berlin Art Week die Ausstellung „VIETNAM. KUNST. DDR. RECLAIMING SOLIDARITY”. Sie erzählt vom künstlerischen Austausch zwischen der DDR und Vietnam, hinterfragt einseitige Solidaritätsmythen und rückt die Lebensrealitäten vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen ins Licht.

Linolschnitt auf Papier, 41 x 29 cm
Kunstsammlung der Berliner Volksbank K 1688.3 © Peter Westphal, Foto: Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank
Bruderstaat und Bildpropaganda
Die DDR pflegte seit den 1950er-Jahren enge diplomatische Beziehungen zu Nordvietnam. Während des Vietnamkriegs erlebte die sogenannte internationale Solidarität mit dem „sozialistischen Bruderstaat” einen Höhepunkt. Plakate, Grafiken und Gemälde entstanden in großer Zahl – getragen von persönlicher Anteilnahme, aber auch von staatlichem Auftrag und kulturellen Zuschreibungen. Die Schau nimmt diese Werke aus der Kunstsammlung der Berliner Volksbank in den Blick und zeigt die Ambivalenzen, die hinter der offiziellen Rhetorik lagen. Einige DDR-Künstler*innen reisten selbst nach Vietnam, wie die 1970 entstandene Mappe Vietnam – das geht dich an! von Wolfgang Speer und Peter Westphal belegt.
Solidarität im Kalten Krieg: Wenn Kunst Politik transportierte
Während des Vietnamkriegs erlebte die DDR eine breite Welle der Solidarität mit Nordvietnam. Dieser politische Leitgedanke schlug sich nicht nur in Demonstrationen und Spenden nieder, sondern auch in einer vielfältigen künstlerischen Produktion. Die Ausstellung beleuchtet diesen Austausch zwischen der Demokratischen Republik Vietnam – später der Sozialistischen Republik Vietnam – und der DDR. Sie zeigt, wie Künstler*innen beider Länder das Motiv der internationalen Solidarität verhandelten und welche Bilder dabei entstanden.
Die andere Seite der Solidarität
Die Ausstellung erzählt nicht nur die Geschichte der DDR-Perspektive. Sie erweitert den Blick um Werke vietnamesischer Künstler*innen, die in der DDR studierten, sowie um zeitgenössische Positionen. Im Mittelpunkt steht dabei die Erfahrung der vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen, von denen in den 1980er-Jahren rund 60.000 in die DDR kamen. Arbeiten von Nguyễn Phương Thanh, Fungi, Minh Duc Pham und Tra My Nguyen greifen Familiengeschichten, Dokumente und Erinnerungen auf. Sie machen sichtbar, wie groß die Kluft zwischen offizieller Solidaritätsrhetorik und der Lebensrealität vor Ort war – eine Realität, die häufig von Ausgrenzung und Fremdbestimmung geprägt war.
Jenseits des Mythos: Vertragsarbeiter*innen und ihre Realität
Doch die Ausstellung geht über die offizielle Staatssolidarität hinaus. Sie richtet den Blick auf die Lebensrealitäten vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen in der DDR – ein Kapitel, das lange im Schatten der großen politischen Narrative stand. Zeitgenössische Künstler*innen setzen sich heute kritisch mit dieser Geschichte auseinander und fragen: Was bedeutete Solidarität wirklich für die Betroffenen? Wer sprach für wen und welche Projektionen wurden dabei transportiert?
Macht, Projektion und Handlungsspielräume
Anhand ausgewählter Werke aus der DDR und der Gegenwart untersucht die Schau, wie sich Solidarität in der Kunst ausdrückt – und wo ihre Grenzen liegen. Im Zentrum steht ein kritischer Diskurs über Machtverhältnisse, einseitige Projektionen, kulturelle Zuschreibungen und individuelle Handlungsspielräume. Die Ausstellung lädt dazu ein, den Begriff der Solidarität selbst zu hinterfragen: War er immer gegenseitig, oder folgte er einer bestimmten politischen Logik?
Solidarität neu verhandeln
Die Ausstellung lädt dazu ein, den Begriff der internationalen Solidarität kritisch zu hinterfragen. Wer definiert, was Solidarität bedeutet? Wer profitiert von ihr – und wer wird dabei unsichtbar? Anhand ausgewählter Werke aus der DDR und der Gegenwart untersucht die Schau, wie sich Solidarität in der Kunst ausdrückt und welche Machtverhältnisse dabei wirksam sind. Sie bietet Anknüpfungspunkte an aktuelle Debatten zu postmigrantischer Identitätsbildung und globaler Verbundenheit und fragt: Wie wird Solidarität heute neu ausgehandelt?
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