Der neue faschistische Körper: Historikerin Dagmar Herzog über Lust, Rassismus und Behindertenfeindlichkeit im Faschismus

Warum sind faschistische Bewegungen so erfolgreich? Nicht nur Angst und Wut treiben Menschen in ihre Arme – sondern auch Lust und Vergnügen. Die Historikerin Dagmar Herzog hat dazu ein aufrüttelndes Buch vorgelegt.

Am 19. Mai 2026 sprach Dagmar Herzog im NS-Dokumentationszentrum München über ihr Buch „Der neue faschistische Körper” (Wirklichkeit Books, 2025, übersetzt von LJ Jeschke). Im Gespräch mit der Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky von der Ludwig-Maximilians-Universität München entwickelte sie ihre zentrale These: Wer Faschismus nur als Phänomen von Angst und Ressentiment begreift, versteht ihn nicht vollständig.

Herzog richtet den Blick auf zwei Dimensionen, die im öffentlichen Diskurs oft getrennt betrachtet werden, aber eng miteinander verknüpft sind. Zum einen beschreibt sie, wie Rassismus besonders wirkmächtig wird, wenn er erotisch aufgeladen ist – etwa wenn Migration gezielt als sexuelle Bedrohung für weiße Frauen inszeniert wird. Diesen „sexy Rassismus” identifiziert sie als zentrales rhetorisches Mittel radikaler Rechter, das Emotionen mobilisiert und Grenzen zwischen politischer Agitation und triebhafter Erregung verwischt.

Zum anderen zeigt Herzog, dass eine obsessive Feindseligkeit gegenüber Menschen mit Behinderungen – Ableismus – kein Randphänomen, sondern ein elementarer Grundbaustein faschistischer Ideologie ist. Die Vorstellung des „perfekten Körpers” und die Ablehnung vermeintlicher Schwäche bilden dabei eine gemeinsame Wurzel mit dem rassistischen Weltbild.

In ihrem Buch unternimmt Herzog den ambitionierten Versuch, die Geistesgeschichte beider Phänomene zusammenzudenken: libidinöse Intensivierung im Faschismus einerseits, Feindschaft gegenüber als unvollkommen wahrgenommenen Körpern andererseits. Nur wer die Gefühlswelten vergangener faschistischer Bewegungen studiere, so ihr Argument, könne ihre gegenwärtige Erscheinungsform erkennen und bekämpfen. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in den USA und Deutschland machte Herzog deutlich, wie beunruhigend präsent diese Muster heute wieder sind.

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