Die Schulpflicht für alle klingt heute selbstverständlich, doch ihre Durchsetzung Ende des 19. Jahrhunderts war ein mühsamer Kampf gegen wirtschaftliche Not und veraltete Rollenbilder. Das Landesmuseum Zürich beleuchtet in der Reihe „Aus der Not geboren. Arbeitende Kinder“ diesen historischen Wendepunkt.
In einem neuen Beitrag erklärt die Kulturvermittlerin Linda Christinger, wie eng die Bildungsgeschichte mit der Fabrikgesetzgebung verknüpft war. Während das Gesetz von 1877 die Kinderarbeit in Fabriken einschränkte, sollte die Schulpflicht eine neue Ära einläuten – doch der Weg in die Klassenzimmer war für viele steinig.
Ein Wendepunkt: 1874 und 1877
Die rechtliche Grundlage für die heutige Bildungslandschaft wurde in den 1870er Jahren gelegt:
- Verfassungsrevision 1874: Mit dieser Revision wurde die obligatorische Schulpflicht in der gesamten Schweiz eingeführt.
- Fabrikgesetz 1877: Dieses Gesetz schuf den notwendigen Rahmen, um Kinder aus der industriellen Arbeit zu drängen und den Schulbesuch erst möglich zu machen.
Bildung für alle? Nicht ganz.
Ab dieser Zeit hatten zwar alle Kinder – Jungen wie Mädchen – die Schule für mindestens vier bis sechs Jahre zu besuchen, doch herrschte in den Köpfen noch längst keine Gleichberechtigung.
- Ungleichwertiger Unterricht: Mädchen wurden oft nicht gleichwertig unterrichtet. Man ging davon aus, dass sie bestimmte Fächer für ihren späteren Lebensweg nicht benötigen würden.
- Keine Mathematik für Mädchen: Insbesondere höhere Mathematik wurde Mädchen vorenthalten, da die damalige Gesellschaft dies als unnötig für sie erachtete.
Die Umgehung der Pflicht: Schicksale jenseits der Grenze
Trotz der Gesetze gab es Wege, die Schulpflicht zu umgehen, oft getrieben durch die bittere Armut der Familien.
- Spazzacamini: Kinder wurden als Kaminfeger (Spazzacamini) nach Norditalien geschickt, um dort unter härtesten Bedingungen zu arbeiten.
- Schwabenkinder: Viele Schweizer Kinder mussten als sogenannte „Schwabenkinder“ auf Bauernhöfen in Süddeutschland schuften, statt die Schulbank zu drücken.
Diese Einblicke zeigen, dass die Einführung der Schulpflicht nicht nur ein juristischer Akt war, sondern ein langwieriger gesellschaftlicher Prozess, der gegen tief verwurzelte wirtschaftliche Zwänge erkämpft werden musste.
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