Was lasen jüdische Gelehrte vor über hundert Jahren in den Ruinen und Schriften von Gaza? In einer Zeit, in der Gaza fast täglich die Schlagzeilen beherrscht, wirft der Vortrag von Dr. Tobias Mörike im Jüdischen Museum Hohenems einen faszinierenden Blick zurück. Er zeigt, wie Forscher des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Stadt nicht nur als Schauplatz biblischer Kämpfe, sondern als komplexes Zentrum jüdischer und islamischer Geschichte begriffen.
Die Aufzeichnung vom 19. März 2026 beleuchtet eine weitgehend vergessene Episode der Wissensgeschichte: die Verortung Gazas innerhalb der „Wissenschaft des Judentums“.
Gaza als Forschungsgegenstand: Drei Perspektiven
Mörike verdeutlicht anhand dreier Gelehrter, wie sich das Bild von Gaza wandelte – weg von rein religiöser Deutung, hin zu moderner Geschichts- und Orientwissenschaft:
- Heinrich Graetz, Biblische Historiographie, Einordnung der Konflikte zwischen Philistern und Israeliten.
- Martin Abraham Meyer, History of the City of Gaza (1907), Erste umfassende Stadtgeschichte eines amerikanischen Rabbiners.
- Leo Aryeh Mayer, Arabische Epigraphik (1931), Untersuchung islamischer Inschriften und des jüdischen Erbes unter muslimischer Herrschaft.
Zwischen Philistern und Islamischer Herrschaft
Der Vortrag zeigt auf, dass Gaza für jüdische Forscher um 1900 weit mehr war als ein bloßer Randnotiz-Ort:
- Das jüdische Erbe: Die Forscher suchten nach Spuren der jüdischen Gemeinschaft in Gaza über die Jahrhunderte hinweg – auch und gerade unter islamischer Herrschaft.
- Palästinaforschung: Viele dieser Gelehrten waren Pioniere der modernen Archäologie und Geografie der Region. Sie nutzten die historisch-kritische Methode, um Traditionen zu hinterfragen und die Stadt in der Weltgeschichte zu verankern.
Die Experten des Abends
Der Abend markiert zudem einen personellen Wendepunkt für das Jüdische Museum Hohenems:
- Dr. Tobias Mörike: Kurator am Weltmuseum Wien und Spezialist für die Wissensgeschichte der Palästinaforschung. Sein 2024 erschienenes Buch Palästina begreifen gilt als Standardwerk zur Kartografie und Ethnologie der Region.
- Dr. Irene Aue-Ben-David: Die renommierte Historikerin und ehemalige Leiterin des Leo Baeck Instituts übernimmt zum 1. April 2026 die Direktion des Museums in Hohenems. Mit ihrer Expertise in deutsch-jüdischer Geschichtsschreibung wird sie das Profil des Hauses weiter schärfen.
Mehr unter: jm-hohenems.at





