Die Restaurierung von Kunstwerken zählt zu den Kernaufgaben musealer Arbeit. Oft im Verborgenen vollzogen, ist sie essenziell, um nicht nur die materielle Substanz, sondern auch die ursprüngliche Narration eines Werkes zu bewahren. Ein aktuelles Projekt im Belvedere verdeutlicht den komplexen Entscheidungsprozess und die handwerkliche Präzision, die erforderlich sind, wenn ein massiv überarbeitetes Gemälde in seinen Originalzustand zurückgeführt werden soll.
Zwischen Erhaltung und Rückführung
In der modernen Restaurierung wird die Abnahme von Übermalungen heute kritisch hinterfragt. Der „gewachsene Zustand“ eines Kunstwerks – also die Summe aller historischen Veränderungen – gilt oft als erhaltungswürdig. Dennoch gibt es Fälle, in denen Eingriffe die ursprüngliche Bildaussage so stark verfälschen, dass eine Freilegung gerechtfertigt ist.
Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein Werk von Johann Baptist Lampi dem Jüngeren, bei dem eine zentrale Figur, ein Amor, komplett übermalt worden war. Analysen ergaben, dass es sich hierbei nicht um ein „Pentimento“ (eine Korrektur durch den Künstler selbst) handelte, sondern um einen späteren, nicht-originalen Eingriff.
Analyse und Methodik
Bevor die Restauratoren zum Skalpell oder Lösungsmittel greifen, erfolgt eine umfassende Materialanalyse. Durch die Untersuchung vergilbter Firnisschichten und die Bestimmung der Löslichkeit der Ölfarben konnte die Übermalung als „rezent“ – also vergleichsweise jung – eingestuft werden. Infrarotaufnahmen dienten als entscheidendes Hilfsmittel: Sie machten die darunterliegende Figur sichtbar und erlaubten es, eine präzise Skizze als Orientierungshilfe auf der Oberfläche zu platzieren.
Der technische Prozess der Freilegung nutzt die chemischen Unterschiede zwischen Alt und Neu. Da die originale Malschicht über die Jahrhunderte stark vernetzt ist, widersteht sie Lösungsmitteln, welche die jüngere, weniger stabile Übermalung bereits anlösen. Dennoch bleibt jeder Millimeter eine Gratwanderung, die ständige Beobachtung erfordert.
Wiederherstellung der ikonografischen Balance
Nach der Freilegung folgt die Retusche. Hierbei werden Fehlstellen mit Harzölfarben punktgenau geschlossen, um die Brillanz und Schärfe des Originals wiederherzustellen, ohne das Original zu überdecken.
Die Entscheidung zur Freilegung im Belvedere, die in enger Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt getroffen wurde, war letztlich eine inhaltliche: Ohne den Amor wirkte die Komposition der Venus unausgewogen. Die undefinierte schwarze Fläche im Bild führte im 20. Jahrhundert sogar zu kunsthistorischen Fehlinterpretationen, etwa der Annahme, es handle sich um ein verstecktes Porträt statt um eine mythologische Idealdarstellung. Durch die Restaurierung erhält das Werk seine ursprüngliche Balance und seine korrekte Lesart zurück.
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