Idylle mit System: Stefan Sonderegger über die Wurzeln der Appenzeller Bauernmalerei

Was wir heute als malerisches Brauchtum bewundern, war einst Ausdruck eines rasanten wirtschaftlichen Wandels. Im Rahmen der Ausstellung «Stranger Than Paradise» im open art museum St.Gallen wirft der Historiker Stefan Sonderegger einen scharfen Blick auf die Appenzellische Bauernmalerei. Er erklärt, warum diese Bilder weit mehr sind als nur „schöne Aussichten“ und wo die Trennlinie zur Naiven Kunst der Moderne verläuft.

Stefan Sonderegger, profunder Kenner der Appenzeller Sozialgeschichte und ehemaliger Leiter des Stadtarchivs St.Gallen, verknüpft in seinem Interview die historischen Fakten der Viehwirtschaft mit der Ästhetik der Leinwand.

Zwischen Alpfahrt und Agrar-Spezialisierung

Die Appenzeller Bauernmalerei ist untrennbar mit der landwirtschaftlichen Spezialisierung der Region verbunden.

  • Wohlstand durch Vieh: Die Konzentration auf die Viehwirtschaft im 18. und 19. Jahrhundert schuf die wirtschaftliche Basis für eine bäuerliche Kultur, die ihren Stolz künstlerisch ausdrücken wollte.
  • Die Motive: Die klassischen Darstellungen der Alpfahrt oder des Sennenlebens sind keine Zufallsprodukte. Sie sind visuelle Bestandsaufnahmen eines Lebensstils, der zwischen harter Arbeit und ritueller Tradition balancierte.

Bauernmalerei vs. Naive Kunst: Eine Frage der Absicht

Sonderegger arbeitet im Gespräch die feinen, aber entscheidenden Unterschiede zwischen den Epochen heraus:

  1. Die historische Bauernmalerei: Sie entstand aus einer kollektiven Tradition und einem festen Kanon an Motiven. Sie war oft Auftragsarbeit, die den Besitz und die Ordnung der bäuerlichen Welt dokumentierte.
  2. Die Naive Kunst (20./21. Jh.): Hier steht die individuelle, oft autodidaktische Ausdruckskraft im Vordergrund. Während die Bauernmalerei eine Realität idealisierte, schöpft die Naive Kunst häufig aus einer inneren, subjektiven Paradiesvorstellung.

Stranger Than Paradise: Das Idyll auf dem Prüfstand

Die Ausstellung im open art museum nutzt jenen Teppich, der 2025 die Olma-Besucher faszinierte, als Spiegel:

  • Verklärte Natur: Die Werke zeigen eine Welt, wie wir sie uns wünschen – harmonisch, bäuerlich, paradiesisch.
  • Der historische Riss: In der Zusammenschau mit Sondereggers Analysen bekommt dieses Idyll Risse. Die Ausstellung macht deutlich, dass die „heile Welt“ der Bilder oft eine bewusste Idealisierung war, die in der Realität der ländlichen Wirtschaftsgeschichte so nie existierte.

Mehr unter: openartmuseum.ch

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