Wer im Mittelalter an Geldgeschäfte denkt, hat meist mächtige Bankiersfamilien vor Augen. Doch abseits der großen Handelsbühnen spielten Frauen eine entscheidende, oft unterschätzte Rolle im Finanzgefüge. Am 10. März 2026 beleuchtet Dr. Verena Weller (Universität Genua / Mannheim) im Europäischen Hansemuseum Lübeck die ökonomische Lebenswirklichkeit von Frauen im spätmittelalterlichen Montpellier.
In der Vortragsreihe „Handel, Geld und Politik“ der Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums (FGHO) rückt ein Thema in den Fokus, das die klassische Wirtschaftsgeschichte lange übersah: der Kleinkreditsektor als weiblich geprägter Handlungsraum.
Das Archiv der „gewöhnlichen“ Frau
Grundlage der Forschung von Dr. Verena Weller sind die Notariatsregister von Montpellier aus dem späten 13. und frühen 14. Jahrhundert. Diese seriellen Quellen sind wahre Schatztruhen für die Geschichtswissenschaft:
- Alltagsgeschäfte: Sie dokumentieren nicht die großen politischen Verträge, sondern die täglichen Transaktionen der Stadtbewohner.
- Vielfältige Rollen: Die Register zeigen Frauen als aktive Gläubigerinnen, verlässliche Bürginnen und notwendige Schuldnerinnen.
- Sichtbarkeit: Erst durch die systematische Auswertung dieser Dokumente treten Frauen aus dem Schatten der „inoffiziellen“ Geschichte heraus.
Norm vs. Praxis: Die Freiheit im Kleingedruckten
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die Diskrepanz zwischen Gesetz und Alltag. Während das mittelalterliche Recht Frauen oft formale Einschränkungen in ihrer Geschäftsfähigkeit auferlegte, zeichnen die Quellen ein anderes Bild:
- Regelmäßige Beteiligung: Frauen waren keineswegs Ausnahmen im Kreditwesen; sie waren fester Bestandteil des ökonomischen Kreislaufs.
- Wirtschaftliche Autonomie: Trotz rechtlicher Hürden agierten viele Frauen mit bemerkenswerter Selbstständigkeit, um ihren Lebensunterhalt zu sichern oder familiäre Investitionen zu tätigen.
- Sicherheitsanker: Besonders als Bürginnen spielten sie eine Schlüsselrolle bei der Absicherung von Krediten innerhalb sozialer Netzwerke.
Ein moderner Blick auf die Vormoderne
Der Vortrag zeigt, dass die Genderforschung der letzten 25 Jahre die Wirtschaftsgeschichte revolutioniert hat. Indem wir den Blick auf „gewöhnliche“ Frauen und den Kleinkreditsektor richten, verstehen wir die Dynamik vormoderner Gesellschaften weit präziser. Es geht nicht mehr nur darum, ob Frauen handelten, sondern wie sie die Spielräume zwischen den rechtlichen Normen für sich nutzten.
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