Prächtige Umzüge, beißender Spott und historische Brüche: Die Fasnacht am Bodensee ist weit mehr als nur „gute Laune auf Knopfdruck“. Eine aktuelle Dokumentation und das begleitende Buch zum 200-jährigen Jubiläum werfen nun einen Blick hinter die Masken – und fördern eine Geschichte zutage, die von Freiheitsträumen, kolonialem Dünkel und erstaunlicher Anpassungsfähigkeit erzählt.
In der Dreiländerregion zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Fasnacht ein „bunter Cocktail“. Hier vermischen sich Habsburger Faschingstraditionen mit bürgerlicher Saalfasnacht und Einflüssen des rheinischen Karnevals zu einer ganz eigenen Identität.
Von der Revolution zum „Prinz Karneval“
Lange bevor die Fasnacht institutionalisiert wurde, war sie ein politisches Ventil:
- Freiheitsgeist: Bis zur Revolution 1848/49 nutzte das Bürgertum die Narrenspiele für satirische Kritik an der Obrigkeit.
- Der Rheinische Einfluss: Nach 1860 schwappte die Begeisterung für den Kölner Karneval an den See. „Prinz Karneval“ wurde zur Leitfigur prunkvoller Bälle, bei denen Frauen zwar präsent waren, aber oft nur als schmückendes Beiwerk männlicher Selbstdarstellung dienten.
Die dunklen Seiten des Humors
Die Chronik der vergangenen 200 Jahre spart die schmerzhaften Kapitel nicht aus. Im Deutschen Kaiserreich hielten rassistische Töne Einzug in die Narretei, befeuert durch die damalige Kolonialbegeisterung. Ein Echo, das bis in die heutige Zeit nachhallt und die aktuelle Debatte um Kostüme fremder Kulturen („Indianer“, „Chinesen“) befeuert.
Besonders bedrückend zeigt sich die Rolle der Narrengesellschaften im Nationalsozialismus: Während Terror und Verfolgung den Alltag prägten, produzierten deutsche Humoristen unbeirrt „gute Laune“. Einzig in der Schweiz blitzte vereinzelt mutiger Spott über die braunen Machthaber auf. Nach 1945 erfolgte oft ein nahtloser Übergang zurück zur Tagesordnung, ohne die eigene Rolle im System kritisch zu hinterfragen.
Mediale Stars und neue Perspektiven
Der Aufstieg zur Massenunterhaltung begann in den 1950er-Jahren. Legenden wie Karl Steuer und Helmut Faßnacht machten die Bodensee-Narretei durch Radio und Fernsehen weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt.
Die Aufarbeitung dieser komplexen Geschichte – basierend auf der Sonderausstellung „Maskeraden“, die bis Januar 2026 im Kulturzentrum am Münster zu sehen war – liegt nun als Dokumentarfilm und umfassendes Begleitbuch (Thorbecke Verlag) vor. Mit bisher unbekannten Bildern und seltenen Relikten bietet sie eine spannende Korrektur zur oft allzu glatten Selbstdarstellung der organisierten Narretei.
Der Dokumentarfilm ist im Rahmen der Sonderausstellung “Maskeraden – Als die Fasnacht noch Fasching hieß” entstanden. Die Ausstellung war vom 17.Mai 2025 bis 11. Januar 2026 im Richentalsaal im Kulturzentrum am Münster zu sehen.
Ein Film von Tobias Engelsing und Teresa Renn.
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