Zwischen Parteilinie und Kleinanzeigen: Die Presselandschaft der DDR im Rückblick

ie funktionierte Journalismus in einem Staat ohne Pressefreiheit? Dr. Stefan Wolle, wissenschaftlicher Leiter des DDR Museums, erklärt in der Reihe „Frag Dr. Wolle“, warum 39 Tageszeitungen oft das Gleiche schrieben und wo sich dennoch echter Journalismus versteckte.

Berlin. In der DDR war das Zeitungslesen eine tägliche Routine, die oft zwischen Information und Frustration schwankte. Trotz einer Vielfalt von 39 verschiedenen Tageszeitungen war die politische Berichterstattung von einer zentralen Steuerung geprägt, die heute im DDR Museum kritisch beleuchtet wird.

Das „Zentralorgan“ und die Macht des ADN

Die einflussreichste Publikation war das Neue Deutschland, das Zentralorgan der SED. Für 15 Pfennig am Kiosk erhältlich, diente es primär der Verbreitung der offiziellen Parteilinie. Dr. Wolle verdeutlicht die Gleichschaltung am Beispiel des 10. Juli 1984: Ein Staatsbesuch des italienischen Ministerpräsidenten Craxi erschien auf den Titelseiten fast aller Zeitungen – von Rostock bis Leipzig – nahezu wortgleich.

Verantwortlich für diese Uniformität war der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN). Die staatliche Nachrichtenagentur gab nicht nur die Inhalte, sondern oft auch die kleinsten Details der Darstellung vor, sodass Redakteure vor Ort kaum Spielraum für eigene Akzente hatten.

Nischen für echten Journalismus

Dennoch gab es Bereiche, in denen journalistisches Handwerk spürbar blieb. Laut Dr. Wolle fanden sich „Reste von echtem Journalismus“ vor allem in den Ressorts Sport, Kultur und Regionales. Auch Feuilletons, Theater- und Buchrezensionen wurden von Journalisten genutzt, um staatliche Vorgaben vorsichtig zu unterlaufen und kritische Zwischentöne einzubauen.

Für viele Leser waren zudem die unpolitischen Teile der Zeitung von hohem Wert. Besonders die Kleinanzeigen – von Wohnungstauschangeboten bis hin zu Heiratsanzeigen – stellten eine wichtige lebensweltliche Ressource dar und dienen heute als wertvolle kulturgeschichtliche Quelle.

Der „kurze Frühling“ und das Ende

Mit der Wende 1989 erlebte die DDR-Presse eine kurze Phase der Transformation. In den Herbst- und Wintertagen versuchten die Redaktionen, aktiv in das politische Geschehen einzugreifen und sich von der Bevormundung zu lösen. Dieser „Medienfrühling“ währte jedoch nur kurz: Mit dem Einzug der großen westdeutschen Medienkonzerne, die Abonnentenstämme und Immobilien übernahmen, fand der DDR-Journalismus ein schnelles Ende.

Die Analyse von Dr. Wolle zeigt eindrücklich, wie das Spannungsfeld zwischen staatlichem Diktat und dem Bedürfnis nach Information den Alltag in der DDR prägte.

Mehr unter: ddr-museum.de

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