Vergessene Zukunft: Eine visuelle Archäologie des ostdeutschen Umbruchs

Was geschieht mit der Identität einer Region, wenn ihr politisches System über Nacht verschwindet? Im DDR Museum Berlin wurde mit dem Bildband „Vergessene Zukunft“ (Ch. Links Verlag) ein Werk präsentiert, das die Ästhetik des Übergangs zwischen 1990 und heute einfängt. Der Fotograf Holger Herschel und der Historiker Dr. Jürgen Danyel blicken darin auf die Leerstellen und Aufbrüche im Osten Deutschlands.

Die Aufzeichnung der Veranstaltung macht deutlich, dass die visuelle Zeitgeschichte mehr ist als bloße Nostalgie. Es geht um die Dokumentation eines „Dazwischen“ – jener Phase, in der die alten Gewissheiten der DDR bereits erloschen waren, die neuen Realitäten der Bundesrepublik aber noch keine Form angenommen hatten.

Orte im Wandel, Menschen im Fokus

Holger Herschel, dessen fotografische Serien das Rückgrat des Buches bilden, zeigt Landschaften und Architekturen, die oft wie Kulissen einer untergegangenen Welt wirken. Doch im Zentrum stehen die Menschen:

  • Zwischen den Welten: Die Porträts fangen die Ambivalenz des Umbruchs ein – Hoffnung und Verunsicherung spiegeln sich in den Gesichtern jener Generation wider, die ihr Leben neu entwerfen musste.
  • Ästhetik des Zerfalls und Aufbruchs: Die Bilder dokumentieren den schleichenden Verfall industrieller Zentren ebenso wie die ersten, oft provisorisch wirkenden Anzeichen des neuen Kapitalismus.

Vielstimmige Perspektiven

Die Veranstaltung im DDR Museum lebte von der interdisziplinären Ergänzung. Während Herschel die visuelle Ebene lieferte, ordneten namhafte Historiker die Aufnahmen in den größeren Kontext der Erinnerungskultur ein:

  • Dr. Stefan Wolle, Anette Schuhmann und Dr. Jens Schöne lieferten durch Lesungen ihrer Essays tiefere Einblicke in die gesellschaftlichen Bruchlinien.
  • Dr. Jürgen Danyel betonte die Bedeutung der Fotografie als eigenständige historische Quelle, die Emotionen und Atmosphären konserviert, welche in Aktenvermerken oft verloren gehen.

Erinnerungskultur als Dialog

Im Gespräch mit Sören Marotz, dem Ausstellungsleiter des DDR Museums, wurde die Frage diskutiert, wie wir uns heute an die Transformation erinnern. Ist die „Vergessene Zukunft“ eine Geschichte des Scheiterns oder eine des Neuanfangs? Die Bilder bieten keine einfachen Antworten, sondern dienen als Ankerpunkte für ein differenziertes Nachdenken über die ostdeutsche Biografie.

Mehr unter: ddr-museum.de

Museumskalender

Bild mit der Aufschrift "Museumsnachrichten". Link zu den Nachrichtentexten auf museumsfernsehen.de

Newsletter