Sweet Baby Motel: Guglielmo Castellis surreale Bühne in der Kunsthalle Wien

Was passiert, wenn die Logik des Theaters auf die Grenzenlosigkeit des Traums trifft? Die Kunsthalle Wien präsentiert am Karlsplatz die erste Einzelausstellung des Turiner Künstlers Guglielmo Castelli (1987) in Österreich. „Sweet Baby Motel“ ist eine Einladung in eine Welt, in der Körper zu Scheren werden und Lebkuchenhäuser Kopf stehen.

Castelli, der ursprünglich Bühnenbild studierte, verwandelt den Ausstellungsraum in eine visuelle Erzählung, die sich wie ein düsteres, aber faszinierendes Bilderbuch entfaltet. Seine Werke sind tief in der Literatur und Kunstgeschichte verwurzelt, wirken aber in ihrer zeitlosen, erdigen Palette seltsam entrückt.

Die Anatomie der Träumerei

Im Zentrum der Schau stehen sieben großformatige Leinwände, die jeweils eine solitäre Figur porträtieren. Diese Charaktere scheinen im Raum zu driften, losgelöst von der Schwerkraft:

  • Kostümierung & Scheinwerfer: Gekleidet in Harlekin-Muster, Rüschen und Puffärmel, wirken die Figuren wie Akteure einer lautlosen Theateraufführung.
  • Das Motiv der Schere: Gliedmaßen verformen sich in Castellis Ikonografie oft zu Scheren. Das Werkzeug dient ihm als Metapher für das Trennen und Neu-Zusammenfügen von Identität und Raum.
  • Wiener Akzente: Auf einer monumentalen, 22 Meter langen Wand finden sich subtile Referenzen an die lokale Kulturgeschichte – von der Patchwork-Ästhetik eines Friedensreich Hundertwasser bis hin zu Anklängen an Pieter Bruegel den Älteren.

Hänsel und Gretel – Neu erzählt

Die Ausstellung nutzt das Märchen von Hänsel und Gretel als losen roten Faden, bricht jedoch radikal mit der klassischen Erwartung. Castelli präsentiert ein umgestürztes Lebkuchenhaus. Mit diesem Bild stellt er Fragen nach Kontrolle, häuslicher Sicherheit und den Hierarchien, die unsere Kindheit und Gesellschaft prägen. Das Werk wird so zu einem Ort des Widerstands gegen vorgegebene Erzählungen.

Publikation & Kooperation

Begleitend zur Ausstellung erscheint im März 2026 eine neue Publikation (Lenz / Castello di Rivoli / Kunsthalle Wien). Das Buch vertieft die Themen der Schau mit Texten von Sarah Crowe und Lillian Davies sowie einem aufschlussreichen Interview mit dem Künstler, geführt von Francesco Manacorda.

Mehr unter: kunsthallewien.at

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