Richard Mosse über den Amazonas-Regenwald: Grid Palimi-ú und die Stimmen der Yanomami

Mit Grid Palimi-ú aus dem Jahr 2023 richtet der irische Künstler und Fotograf Richard Mosse den Blick auf die Yanomami, eines der größten indigenen Völker Amazoniens. Ihr traditionelles Territorium erstreckt sich über das Grenzgebiet zwischen Brasilien und Venezuela. Für seine Arbeit reiste Mosse in das Dorf Palimi-ú im brasilianischen Bundesstaat Roraima. Dort überlässt er vor allem den Yanomami selbst das Wort. Ihre Reden sind direkt in die Kamera gerichtet und wurden auf 35-mm-Infrarotfilm aufgenommen. Damit stehen nicht die Beobachtungen des Künstlers im Mittelpunkt, sondern die Menschen, deren Lebensraum seit Jahrzehnten von massiven Eingriffen bedroht wird.

Illegale Goldsucher bedrohen das Yanomami-Gebiet

Seit Ende der 1980er-Jahre dringen immer wieder illegale Goldsucher, die sogenannten garimpeiros, in das Gebiet der Yanomami ein. Mit ihnen kamen Krankheiten und Gewalt. Tausende Yanomami starben infolge der Konflikte und der eingeschleppten Krankheiten.

Auch die offizielle Anerkennung des Yanomami-Territoriums im Jahr 1992 konnte die Eindringlinge nicht dauerhaft fernhalten. In den vergangenen Jahren nahm der illegale Bergbau erneut massiv zu. Zehntausende Goldsucher drangen in das Gebiet ein und hinterließen gravierende ökologische und soziale Schäden.

Quecksilber, Abholzung und Gewalt

Der illegale Goldabbau zerstört nicht nur den Regenwald, sondern belastet auch die Flüsse mit Quecksilber. Wälder werden gerodet, Flächen für Plantagen und Viehzucht erschlossen und Dörfer angegriffen. Auch Palimi-ú wurde 2021 zum Schauplatz eines solchen Angriffs. Für die Yanomami haben die Eingriffe unmittelbare Folgen: Hunger, Malaria, Krankheiten und Tod bedrohen die Gemeinschaften. Mosse macht diese Zerstörung nicht nur über die Berichte der Betroffenen sichtbar, sondern stellt ihnen Aufnahmen der Landschaft gegenüber.

16 Bildschirme zeigen die Wunden des Regenwaldes

Den Reden der Yanomami stehen 16 Bildschirme gegenüber. Sie zeigen multispektrale Drohnenaufnahmen von illegalen Minen, Plantagen und Rinderfarmen. Die ungewöhnlichen Bildaufnahmen machen sichtbar, was aus der Distanz oft unsichtbar bleibt: die Spuren menschlicher Eingriffe in den Regenwald. Abbauflächen, gerodete Gebiete und landwirtschaftlich genutzte Flächen erscheinen als regelrechte Wunden in der Landschaft. So verbindet Grid Palimi-ú zwei Perspektiven: die unmittelbaren Stimmen der Yanomami und die technische Fernerkundung eines bedrohten Ökosystems.

„Filmt uns nicht, wenn ihr danach nichts tut“

Die Yanomami richten ihre Reden nicht nur an Richard Mosse. Ihre Worte gelten ebenso den Besucherinnen und Besuchern, die sich die Arbeit ansehen. Damit stellt Grid Palimi-ú auch die Rolle des Dokumentierens infrage. Was bedeutet es, eine bedrohte Gemeinschaft zu filmen, ihre Geschichten sichtbar zu machen und anschließend zur Tagesordnung überzugehen? Die Arbeit formuliert daraus einen eindringlichen Appell: Bilder allein reichen nicht aus. Die Yanomami fordern nicht nur Aufmerksamkeit für ihre Situation, sondern konkrete Unterstützung und Handeln.

Kunst zwischen Dokumentation, Technologie und Aktivismus

Richard Mosse verbindet in Grid Palimi-ú dokumentarische Fotografie mit moderner Bildtechnologie. Der Einsatz von 35-mm-Infrarotfilm für die Reden und multispektraler Drohnenaufnahmen für die Landschaft erzeugt einen bewussten Kontrast. Auf der einen Seite stehen Menschen, die direkt in die Kamera sprechen. Auf der anderen Seite stehen technisch erzeugte Bilder eines von Menschen veränderten Regenwaldes. Zusammen ergeben beide Ebenen ein Porträt eines Lebensraums, dessen Zerstörung nicht abstrakt bleibt.

Grid Palimi-ú macht damit nicht nur die ökologische Krise des Amazonas sichtbar. Die Arbeit stellt vor allem die Perspektive der Yanomami in den Mittelpunkt – und erinnert daran, dass der Schutz des Regenwaldes untrennbar mit dem Schutz der Menschen verbunden ist, die dort leben.

Mehr unter: zkm.de

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