Pioniere der Street Photography: Die Grazer “Gehfilmer”

Lange vor Smartphone-Kameras und Street-Style-Blogs gab es sie schon: die Jäger des flüchtigen Augenblicks. In den späten 1920er-Jahren tauchten in den Straßen von Graz die sogenannten „Gehfilmer“ auf. Das Museum für Geschichte widmet diesem fast vergessenen Phänomen nun eine faszinierende Schau, die zeigt, wie modern das Grazer Stadtleben bereits vor knapp 100 Jahren inszeniert wurde.

Die Methode war ebenso simpel wie wirkungsvoll: Fotografen postierten sich an belebten Plätzen und hielten Passant*innen in der Bewegung fest. Meist entstanden Sequenzen von drei aufeinanderfolgenden Bildern – eine Technik, die den statischen Moment der Fotografie verließ und sich der Dynamik des frühen Kinos annäherte.

Schnappschüsse der Krisenjahre

Die Ausstellung präsentiert seltene Aufnahmen aus den Jahren 1929 bis 1932. Es ist eine Zeit der Extreme: Während die Weltwirtschaftskrise den Alltag überschattet, pulsiert in den Straßen der Stadt eine ganz eigene Energie.

  • Echt und Unverstellt: Im Gegensatz zum starren Atelierporträt fangen die Gehfilme den Zufall ein. Ein flüchtiger Blick, ein wehender Mantel, das geschäftige Treiben der Grazer Innenstadt.
  • Ein Querschnitt der Gesellschaft: Die Bilder zeigen sie alle – vom eleganten Bürgertum über Arbeiter bis hin zu Touristen. Sie sind ein visuelles Archiv der damaligen Mode, Gestik und sozialen Vielfalt.
  • Die Geburtsstunde der Street Photography: Die Gehfilmer nutzten die Kamera nicht als Dokumentationswerkzeug, sondern als Instrument, um die Spontanität des urbanen Raums einzufangen.

Von der Lochkamera zum Überwachungsstaat?

Die Ausstellung regt über die historische Ästhetik hinaus zum Nachdenken an. Der Titel „Sie sind gefilmt worden“ trägt eine Ambivalenz in sich, die heute aktueller denn je ist.

  • Recht am eigenen Bild: Was damals als amüsantes Souvenir (man konnte die Abzüge später käuflich erwerben) begann, wirft heute Fragen nach Datenschutz und dem Fotografieren im öffentlichen Raum auf.
  • Vom Gehfilm zum TikTok-Clip: Die Kuratoren laden die Besucher*innen ein, Parallelen zur heutigen permanenten Dokumentation unseres Lebens durch soziale Medien zu ziehen.

„Der Grazer Gehfotograf“ ist keine verstaubte Archivschau. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe mit den Menschen der Vergangenheit. Die Sequenzen lassen die Standbilder fast lebendig wirken und machen das Graz der Zwischenkriegszeit auf eine Weise nahbar, wie es klassische Dokumentarfotografie selten vermag.

Mehr unter: www.museumfuergeschichte.at

Museumskalender

Bild mit der Aufschrift "Museumsnachrichten". Link zu den Nachrichtentexten auf museumsfernsehen.de

Newsletter