Maria Lassnig und Edvard Munch. Doppelschau in der Hamburger Kunsthalle

In einer spektakulären Doppelschau bringt die Hamburger Kunsthalle bis zum 30. August zwei Giganten der europäischen Moderne zusammen, die sich nie begegnet sind, aber dennoch eine radikale Sprache teilen. Die Ausstellung ist mehr als eine bloße Gegenüberstellung – sie ist ein intimer Dialog über das, was es bedeutet, ein fühlender Mensch zu sein.

Es ist das erste Mal, dass das Werk der Österreicherin Maria Lassnig (1919–2014) und des Norwegers Edvard Munch (1863–1944) in dieser Intensität vereint wird. Den Auftakt bildet ein visuelles Manifest: Lassnigs Gemälde „Traditionskette“ (1983). Darauf reiht sie sich selbstbewusst hinter Velázquez, Munch und Van Gogh ein – eine Ansage an die männlich dominierte Kunstgeschichte.

Äußere Bilder für ein Innenleben

Beide Künstler verbindet die Suche nach einer Form für das Unaussprechliche. Während Munch die großen, universellen Emotionen wie Angst, Eifersucht und Zorn thematisiert, horcht Lassnig tief in ihren eigenen Körper hinein.

  • Edvard Munch: Erinnerungsarbeit. Munch malte nicht, was er sah, sondern was er sah – im Sinne einer emotionalen Erinnerung. Seine Bilder sind Projektionsflächen für menschliche Urerfahrungen.
  • Maria Lassnig: Body Awareness. In ihren „Körpergefühlsbildern“ malte sie nicht ihre äußere Erscheinung, sondern wie sich ihr Körper von innen anfühlte: roh, gehäutet, manchmal fast tierisch.

Die Ambivalenz der Nähe

Ein zentrales Thema der Schau ist die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen. In den Werken beider Künstler scheint Nähe nie sicher zu sein:

  • Das Verschwimmen: Bei Munch verschmelzen Paare oft so stark, dass die eigene Identität sich aufzulösen droht – oder sie stehen sich, trotz physischer Nähe, unendlich einsam gegenüber.
  • Der Kampf: Lassnigs Beziehungsbilder wirken oft wie ein Ringen. Gesten des Vertrauens wirken ambivalent, fast wie zwei Ziegenböcke, die sich gegeneinander stemmen.

Vergleichendes Sehen: Ein offener Dialog

Die Hamburger Kunsthalle hat die Räume so konzipiert, dass die Bilder in direkter Nachbarschaft hängen. Dieser Aufbau zwingt die Besucher zum vergleichenden Sehen. Es geht nicht darum, wer „besser“ malte, sondern darum, wie sich Perspektiven durch den Dialog verändern.

Die Vielschichtigkeit von Munchs Klassikern wie dem „Vampir“ und die kompromisslose Offenheit von Lassnigs Körperbildern lassen Raum für eigene Projektionen der Betrachter. So wird die Schau zu einer Entdeckungsreise, die am Ende zeigt: Die spannendsten Bilder entstehen immer noch im Kopf – oder tief im Inneren des Körpers.

Mehr unter: hamburger-kunsthalle.de

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