Das 2004 in Paris gegründete Kollektiv Claire Fontaine hinterfragt die Grenzen zwischen Alltag, virtueller Realität und politischem Aktivismus. In einer ungewöhnlichen Rauminstallation transformieren sie digitale Symbole in physische Objekte und konfrontieren uns mit den Nachrichtenströmen unserer Zeit.
Der Name „Claire Fontaine“ ist Programm und gleichzeitig ein vielschichtiges Zitat. Er leitet sich von einem bekannten französischen Schreibwarenhersteller ab, ist aber zugleich eine direkte Anspielung auf Marcel Duchamps berühmtes Readymade „Fountain“. Damit verbindet das Kollektiv einen gewöhnlichen Alltagsnamen mit der kunstgeschichtlichen Tradition, Objekte aus ihrem Kontext zu lösen und neu zu konzeptualisieren.
Emojis im Leuchtkasten: Die virtuelle Realität wird greifbar
Für Claire Fontaine endet das Prinzip des Readymades nicht beim physischen Gegenstand. Sie denken es zeitgenössisch weiter und beziehen die virtuelle Realität mit ein.
- Verdinglichung des Digitalen: Körperlose Emojis werden aus dem Smartphone isoliert und in schwebende Leuchtkästen transformiert. So wirken sie im realen Raum beinahe so, als befänden sie sich noch immer innerhalb eines digitalen Displays.
Politische Metaphern: Zitronen und Newsfeeds
Die Arbeitsweise des Kollektivs ist stark politisch ausgerichtet, was sich besonders in installativen Werken zeigt:
- „The Migrants“: 144 am Boden ausgelegte Zitronen bilden eine zerbrechliche Installation. Besucher müssen sich vorsichtig bewegen, um die Früchte nicht wegzustoßen – eine eindringliche Verbildlichung der Situation von Migranten, die oft keinen festen Platz in der Gesellschaft finden und an den Rand gedrängt werden.
- Der physische Newsfeed: Den täglichen Strom an Nachrichten, den wir normalerweise auf dem Handy durchscrollen, macht Claire Fontaine begehbar. Statt mit dem Daumen zu scrollen, läuft man über eine regelrechte „Nachrichtenschwemme“ am Boden.
Handarbeit trifft Digitalisierung
In Räumen, die klassischerweise der Malerei vorbehalten sind, präsentiert das Kollektiv eine überraschende Wendung: Alle gezeigten Objekte sind ursprünglich von Hand gemalt und wurden erst nachträglich digital transferiert. Symbolisiert wird dieser Prozess unter anderem durch ein Jackson-Pollock-Puzzle, das die Brücke zwischen analoger Kunstgeschichte und spielerischer Dekonstruktion schlägt.
Claire Fontaine zeigt eindrücklich, wie Readymade-Emotionen und digitale Informationsfluten unseren Blick auf die reale Welt formen und verändern.
Produktion: arttv.ch
Mehr unter: www.kmw.ch





