
Die Filmemacherin und Bildende Künstlerin Karimah Ashadu richtet ihren Blick auf Nigerias informelle Ökonomien – und verwandelt die Kestner Gesellschaft in einen malerisch durchdrungenen Erfahrungsraum.
Eine erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland
Karimah Ashadu (geb. 1985 in London) lebt und arbeitet zwischen Hamburg und Lagos. Seit den frühen 2010er-Jahren entwickelt sie ein Werk, das Menschen in den informellen Ökonomien Nigerias in den Mittelpunkt stellt: Schlachter, Cowboys, Minenarbeiter, Bodybuilder – Existenzen, deren alltägliche Arbeit das Überleben sichert und zugleich den Traum von einem selbstbestimmten Leben trägt. Mit „Crystalline” zeigt die Kestner Gesellschaft nun ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland – und präsentiert dabei die Weltpremiere ihres neuen Films WAVES (2026).
WAVES: Arbeit und Ozean verweben sich
Der Film spielt an einer informellen Autowaschanlage in Lagos’ Stadtteil Oniru, auf einem schmalen Landstreifen, der dem Atlantik erst kürzlich abgerungen wurde. Die Kamera folgt einer Gruppe von Männern bei ihrer täglichen Arbeit und wechselt immer wieder zwischen Waschanlage und Ozean, bis sich beide Sphären miteinander verweben. Darüber legen sich die Stimmen der Protagonisten auf Hausa, der Verkehrssprache des nigerianischen Nordens: Sie erzählen, was sie nach Lagos geführt hat. Zu sehen ist der Film in der Kuppelhalle des ehemaligen Goseriedebades – einem Raum, dessen Architektur durch präzise Farb- und Lichtsetzung selbst zum Teil der Inszenierung wird.
Salzkristalle, Stahl und ein kupferner Tank
Acht begleitende Fotografien zeigen die Protagonisten des Films in nachgeahmter Designerkleidung – ein visuelles Statement über Sichtbarkeit, Wert und Ausschluss. Ihre Oberflächen sind mit Salzwasser, Tusche, Pigment und Bleichmittel bearbeitet; beim Verdunsten hinterlässt das Wasser Salzkristalle – der Atlantik schreibt sich buchstäblich in die Bilder ein. Eigens angefertigte Stahlrahmen verleihen den fragilen Oberflächen spürbares physisches Gewicht. Die Skulptur „Auric Field” (2026) – ein gefundener kupferner Wassertank, dessen Oberfläche Ashadu mit einer spontanen Linienzeichnung eines Filmprotagonisten versehen hat – verbindet die Ausstellungsobjekte mit der Welt des Films und stellt Fragen nach Status und Wert neu.
Cowboy: Freiheit am Atlantik
In einer zweiten Ausstellungshalle ist der Film „Cowboy” (2022) zu sehen, der einen Mann in Tarkwa Bay vor der Küste von Lagos porträtiert, der Pferde pflegt. Auch hier öffnet sich eine zweite Leinwand auf den Atlantischen Ozean – als Raum zwischen Verheißung und Verheerung. Wie in WAVES interessiert Ashadu die Nuancen von Verletzlichkeit innerhalb performativer Männlichkeit und die gesellschaftlichen Kräfte, die sie formen.
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