In der Ausstellung „(Inter)faces of Predictions“ bei C/O Berlin verknüpft der Fotograf Sheung Yiu die jahrtausendealte Praxis des Gesichtlesens mit modernster KI-Technologie. Ein kritischer Blick auf eine Welt, in der Daten unsere Identität konsumieren.
Für Sheung Yiu, den Gewinner des C/O Berlin Talent Award 2025, ist das Gesicht weit mehr als eine physische Oberfläche. Es ist unser Portal zur Welt, unser Interface. In seiner Ausstellung stellt er eine überraschende Verbindung her: zwischen der esoterischen Praxis des Gesichtlesens, wie sie in Ostasien populär ist, und der algorithmischen Gesichtserkennung.
Wahrsagerei vs. Algorithmus
Yiu betrachtet beide Praktiken als Versuche der Vorhersage. Während das traditionelle Gesichtlesen Charakter und Schicksal aus Merkmalen deutet (ähnlich dem Handlesen), nutzt die moderne Technologie biometrische Daten für Überwachung und Analyse. Der Künstler zeigt auf, dass die Grenze zwischen „rationaler“ Technologie und „mystischem“ Wunschdenken oft fließender ist, als wir annehmen.
Die „Face-eat-face“-Welt
Im Zentrum der Ausstellung steht ein Video, das auf einem 3D-Scan von Yius eigenem Kopf basiert, aufgenommen mit 102 Kameras in Berlin.
- Digitale Avatare: Ein Avatar wandert durch eine abstrakte Wüstenlandschaft, die sich bei näherem Hinsehen als die vergrößerte Hautoberfläche des Künstlers entpuppt.
- Daten-Kannibalismus: In einer surrealen Sequenz verschlingt eine riesige Version des Künstlers seine eigenen kleineren Gesichter – eine Metapher dafür, wie künstliche Daten die Realität ersetzen und konsumieren.
Technologie als kulturelles System
Yiu warnt davor, Technologie blind als rein wissenschaftlich oder objektiv zu betrachten. Für ihn ist sie ein kulturelles Denksystem, das historische Wurzeln in der Physiognomik und Rassenkunde hat. Seine Arbeit macht sichtbar, wie unsere Gesichtsdaten von Regierungen und Unternehmen manipuliert und gelesen werden können, ohne dass wir die Kontrolle darüber behalten.
Das Buch zur Ausstellung
Begleitend zur Schau ist eine Publikation erschienen, die Yius Forschung mit historischen Archivbeispielen, Diagrammen und seinen eigenen manipulierten Porträts zusammenführt. Besonders bemerkenswert: Yiu nutzt sein eigenes Gesicht als Rohmaterial und „hackt“ die Modelle, indem er sie überzeichnet oder verzerrt, um sich der eindeutigen Lesbarkeit durch Maschinen zu entziehen.
Mehr unter: co-berlin.org





