Wer glaubt, dass die wilden Partys auf St. Pauli ein Phänomen der Moderne sind, irrt gewaltig. Die Stiftung Historische Museen Hamburg gewährt einen Blick hinter die Kulissen und zeigt anhand kurioser Exponate, dass auf der Reeperbahn bereits vor 400 Jahren ausgelassen gefeiert wurde – inklusive Kostümen, Bier und rituellen Kämpfen.
Die Reeperbahn ist heute weltweit als Vergnügungsviertel bekannt, doch ihr Name führt direkt zurück zum harten Handwerk der Reepschläger, die hier einst die Taue für die Schifffahrt herstellten. Dass diese Handwerker nicht nur hart arbeiteten, sondern auch das Feiern meisterhaft beherrschten, belegen Objekte aus der Sammlung des Museums für Hamburgische Geschichte.
„Schief und Lieke“: Ein wildes Spektakel
Ein besonders spannendes Exponat ist eine hölzerne Pritsche aus dem Jahr 1822. Sie ist stummer Zeuge einer „wilden Begebenheit“, die sich an Sommerabenden auf St. Pauli abspielte. Lehrlinge verkleideten sich als Harlekine, zogen singend durch die Straßen und sammelten Geld für Bier.
Auf einer Grünfläche nahe der Reeperbahn gipfelte der Umzug in einem rituellen Spiel namens „Schief und Lieke“:
- Die Rollen: Es gab die „Schäfen“ (die schiefen, gepolsterten Kostümierten) und die „Lieken“ (die Gleichen).
- Der Kampf: Während die Lieken mit Pritschen auf die Schäfen einschlugen, versuchten diese wiederum, ihre Kontrahenten an den Beinen zu packen und umzuwerfen.
- Die Resonanz: Dieses rabiate Volksfest war ein Massenereignis; Überlieferungen zufolge verfolgten tausende Zuschauer das Spektakel.
Handwerksehre und Trinkkultur
Ein Zunftkrug von 1699 erinnert an eine noch ältere Tradition. Der darauf verewigte Sinnspruch „Leichter veracht als besser gemacht“ war nicht nur ein Motto beim Trinken, sondern spiegelte den Stolz und den Qualitätsanspruch des Reepschläger-Handwerks wider.
Wenn Besucher heute über die Reeperbahn wandeln, tun sie dies auf historischem Boden. Das Video macht deutlich: Die heutige Amüsiermeile setzt eine Tradition fort, die schon vor vier Jahrhunderten mit viel Bier und Lebensfreude begründet wurde.
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