Wie profitierten deutsche Forschungseinrichtungen von den nationalsozialistischen Verbrechen? Eine öffentliche Diskussion am 20. Oktober 2026 in der Topographie des Terrors in Berlin widmet sich der Geschichte der Hirnforschung während der NS-Diktatur. Im Mittelpunkt stehen Tausende menschliche Gehirnpräparate, die aus dem nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungssystem stammten und noch Jahrzehnte nach Kriegsende für wissenschaftliche Untersuchungen genutzt wurden. Eine internationale Forschungsgruppe hat inzwischen die Namen und Schicksale von mehr als 1.900 Opfern rekonstruiert. Die Veranstaltung wird im Livestream übertragen.
Hirnforschung im Nationalsozialismus: Wissenschaft und Verfolgung
Die Verbindungen zwischen wissenschaftlicher Forschung und nationalsozialistischen Gewaltverbrechen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit nur unzureichend aufgearbeitet. Besonders deutlich zeigt sich diese Geschichte am Beispiel der deutschen Hirnforschung. Während der NS-Diktatur erhielten wissenschaftliche Einrichtungen Zugang zu menschlichen Organen, die aus dem nationalsozialistischen Verfolgungs- und Tötungssystem stammten.
Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch und die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie in München beschafften sich Tausende Gehirnpräparate, um sie wissenschaftlich zu untersuchen. Ein erheblicher Teil der Präparate stammte von Menschen, die im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde getötet worden waren. Die Veranstaltung in der Topographie des Terrors beschäftigt sich mit der Verantwortung der beteiligten Institutionen und der Frage, warum die Herkunft dieser Sammlungen über Jahrzehnte nicht ausreichend hinterfragt wurde.
NS-„Euthanasie“: Opfer der systematischen Krankenmorde
Viele der Menschen, deren Gehirne für die Forschung verwendet wurden, waren Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen. Unter diesem verschleiernden Begriff organisierten die Nationalsozialisten die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Die Opfer wurden unter anderem in psychiatrischen Einrichtungen und eigens eingerichteten Tötungsanstalten ermordet. Ihre Körper und Organe konnten anschließend ohne Einwilligung der Betroffenen oder ihrer Angehörigen für medizinische Forschungszwecke genutzt werden.
Weitere Gehirnpräparate stammten von jüdischen und nichtjüdischen Opfern der deutschen Besatzungsherrschaft, insbesondere in Polen. Auch Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Menschen, die durch die nationalsozialistische Justiz getötet wurden, gehörten zu den Betroffenen. Die wissenschaftliche Nutzung ihrer sterblichen Überreste war damit unmittelbar mit unterschiedlichen Formen nationalsozialistischer Verfolgung verbunden.
Von den Kaiser-Wilhelm-Instituten zur Max-Planck-Gesellschaft
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gingen die historischen Sammlungen auf Einrichtungen der neu gegründeten Max-Planck-Gesellschaft über. Die Präparate wurden in den Max-Planck-Instituten für Hirnforschung und für Psychiatrie aufbewahrt und teilweise noch über Jahrzehnte für wissenschaftliche Untersuchungen verwendet. Die Herkunft vieler menschlicher Überreste und die Lebensgeschichten der Betroffenen blieben lange im Hintergrund.
Die Auseinandersetzung mit diesen Beständen wirft grundlegende Fragen zur Verantwortung wissenschaftlicher Institutionen auf. Dazu gehört insbesondere, wie Forschungseinrichtungen mit menschlichen Überresten umgehen, die unter Bedingungen schwerster Menschenrechtsverletzungen gewonnen wurden. Die historische Aufarbeitung betrifft deshalb nicht nur die NS-Zeit, sondern auch den Umgang mit deren Hinterlassenschaften in der Nachkriegswissenschaft.
Internationale Forschungsgruppe identifiziert mehr als 1.900 NS-Opfer
Eine unabhängige internationale Gruppe von Historikerinnen und Historikern hat die Geschichte der Gehirnsammlungen im Rahmen eines von der Max-Planck-Gesellschaft finanzierten Forschungsprojekts umfassend untersucht. Dabei gelang es, die Namen und Lebensgeschichten von mehr als 1.900 Menschen zu rekonstruieren, deren Gehirnpräparate in die wissenschaftlichen Bestände gelangt waren. Die Untersuchungen machten deutlich, aus welchen Verfolgungszusammenhängen die Präparate stammten und welche institutionellen Netzwerke an ihrer Beschaffung und Nutzung beteiligt waren.
Ein wichtiges Ziel der Forschung war es, den Betroffenen ihre Namen und individuellen Biografien zurückzugeben. Damit werden sie nicht länger ausschließlich als anonyme wissenschaftliche Präparate betrachtet, sondern als Menschen, die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen wurden. Die Ergebnisse schufen zugleich die Grundlage für eine würdige Bestattung der menschlichen Überreste auf dem Münchner Waldfriedhof.
Gedenken und Verantwortung: Die Perspektive der Angehörigen
Die Veranstaltung in Berlin berücksichtigt ausdrücklich auch die Sichtweise von Angehörigen der Opfer. Zur Begrüßung sprechen Alison MacPhail und Carol Day aus Großbritannien. Die beiden Frauen sind Nichten eines Menschen, dessen Gehirnpräparat in den historischen Sammlungen aufbewahrt wurde. Ihre Beteiligung verdeutlicht, dass die Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen und des späteren Umgangs mit menschlichen Überresten bis in die Familiengeschichten der Gegenwart reichen.
Neben den Angehörigen sprechen Dr. Andrea Riedle, Direktorin der Stiftung Topographie des Terrors, und Prof. Dr. Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Die Veranstaltung verbindet damit wissenschaftshistorische Forschung mit institutioneller Verantwortung und persönlichem Gedenken.
Paul Weindling und Herwig Czech diskutieren die Geschichte der NS-Hirnforschung
Im Mittelpunkt des Abends stehen ein Vortrag und eine anschließende Diskussion mit zwei Historikern, die sich intensiv mit der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte des Nationalsozialismus beschäftigen.
- Prof. Dr. Paul Weindling von der Oxford Brookes University forscht unter anderem zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus, zu Menschenversuchen und zur Identifizierung der Opfer medizinischer Verbrechen.
- Prof. Dr. Herwig Czech von der Medizinischen Universität Wien beschäftigt sich mit der Geschichte der Medizin während der NS-Diktatur und der Beteiligung medizinischer Institutionen an Verfolgung und Gewalt.
Beide Wissenschaftler beleuchten die Entstehung, Nutzung und spätere Aufarbeitung der Gehirnsammlungen.
Moderiert wird die Diskussion von Prof. Dr. Maike Rotzoll vom Institut für Geschichte der Pharmazie und Medizin der Philipps-Universität Marburg.
Wissenschaftliche Verantwortung und Erinnerungskultur
Die Erforschung der historischen Gehirnsammlungen verdeutlicht, wie eng medizinische Forschung während des Nationalsozialismus mit staatlicher Gewalt und der systematischen Entrechtung bestimmter Bevölkerungsgruppen verbunden sein konnte. Zugleich zeigt die Aufarbeitung, dass die Verantwortung wissenschaftlicher Einrichtungen nicht mit dem Ende der NS-Diktatur abgeschlossen war.
Die jahrzehntelange Aufbewahrung und Nutzung menschlicher Überreste wirft Fragen nach wissenschaftlicher Ethik, institutioneller Erinnerung und dem Umgang mit den Angehörigen der Opfer auf. Die Identifizierung der Betroffenen und die Vorbereitung ihrer würdigen Bestattung markieren wichtige Schritte einer historischen Aufarbeitung, die lange auf sich warten ließ. Die Diskussion in der Topographie des Terrors bietet Gelegenheit, die Ergebnisse der Forschung kennenzulernen und über die Verantwortung von Wissenschaft und Gesellschaft im Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus nachzudenken.
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