Die Geschichte des Schiffbrüchigen: Ein antikes Kindermärchen oder politische Opposition?

Anzeige

Jeder Student der Ägyptologie begegnet ihr früher oder später: der Geschichte des Schiffbrüchigen. Doch was verbirgt sich hinter diesem Text aus dem Mittleren Reich? Roxane Bicker M.A. beleuchtet in ihrem Vortrag die komplexe Struktur, die mythischen Elemente und die Rätsel, die dieses Werk bis heute aufgibt.

Die „Geschichte des Schiffbrüchigen“ ist ein Klassiker der altägyptischen Literatur, der uns auf einem einzigen, schmalen Papyrus aus der 12. Dynastie (ca. 1850 v. Chr.) überliefert ist. Der Papyrus Leningrad 1115 ist mit 3,80 Metern Länge beeindruckend, doch sein genauer Fundort bleibt ein Geheimnis der Geschichte.

Eine Reise ins Ungewisse

Die Erzählung beginnt unvermittelt mit einem Gefolgsmann, der nach einer gescheiterten Mission Angst vor der Rückkehr zum König hat. Um ihn zu trösten, berichtet der Protagonist von seinem eigenen Schicksal:

  • Der Sturm: Ein Schiff von 120 Ellen Länge gerät in ein Unwetter. Eine acht Ellen hohe Woge bricht den Mast, und das Schiff geht unter.
  • Die Insel des Ka: Als einziger Überlebender wird der Seemann auf eine mythische Insel gespült, die vor Überfluss an Früchten, Fischen und Vögeln nur so strotzt.
  • Die goldene Schlange: Dort begegnet er einer riesigen, 30 Ellen langen Schlange mit einem Bart aus Gold und Augenbrauen aus Lapislazuli.

Literarische Architektur und „Hierotaxis“

Roxane Bicker betont, dass der Text weit mehr ist als eine einfache Abfolge von Ereignissen. Er ist eine „literarische Architektur“. Durch den Einsatz von Rubra (roten Textanfängen) und Verspunkten wird die Erzählung gegliedert. Jan Assmann prägte hierfür den Begriff der Hierotaxis: Wie in der ägyptischen Bildkunst bilden einzelne, für sich stehende Elemente in einer harmonischen Struktur ein großes Ganzes.

Mythos oder politische Stimme?

Besonders rätselhaft bleibt das Ende der Geschichte. Auf den Trostversuch folgt die ernüchternde Antwort des Vorgesetzten: „Wer gibt einem Vogel schon Wasser, wenn der Tag anbricht, in dessen Frühe man ihn schlachtet?“. Die Deutungen in der Forschung gehen weit auseinander:

  • Loyalismus: Ein Aufruf zur Treue gegenüber dem König.
  • Opposition: Eine kritische Stimme gegen die herrschende Dynastie.
  • Jenseitsreise: Die Insel als Ort zwischen den Welten, an dem der Schiffbrüchige dem Sonnengott in Gestalt der Schlange begegnet.

Ob es sich nun um ein Kindermärchen mit sprechenden Tieren oder um ein tiefgründiges literarisches Kunstwerk handelt – der Schiffbrüchige bleibt eine Provokation für den Verstand. Übrigens: Der Schreiber Amen-aa, der das Werk vollendete, schaffte es 1987 mit seiner Signatur als „älteste erhaltene Unterschrift der Welt“ sogar ins Guinness-Buch der Rekorde.

Mehr unter: smaek.de

Anzeige

Newsletter